Schnittstelle Druckgraphik II

Gesa Puell | Michael Golf | Ole Müller | Alicia Vela | Ral Veroni

Schnittstelle Druckgraphik II

SCHNITTSTELLE DRUCKGRAPHIK 2008
MICHAEL GOLF OLE MÜLLER GESA PUELL ALICIA VELA RAL VERONI
Eröffnung: Freitag, 24. Oktober 2008, 20:00 Uhr
Hierzu sind Sie und Ihre Freunde herzlich eingeladen!
25. Oktober – 16. November 2008 do – so 14:00 – 17:00 Uhr

Führungen durch die Ausstellung: Sonntag, 09. und Sonntag, 16. November 2008, 15:00 Uhr

Gesa Puell


Der Titel der Ausstellung nimmt, wie in Schnittstelle Druckgraphik I, Bezug auf Arbeiten von Künstlern, die mit druckgrafischen Techniken (sowohl künstlerische Druckgrafik (Golf-Siebdruck, Puell – Lithografie, Vela – Stempeldruck, Veroni – Siebdruck), als auch kommerzielle Druckgrafik (Ole Müller, arbeitet mit vorhandenen gedruckten Medien)) arbeiten, diese aber über den klassisch angewandten Bereich hinaus nehmen.
Gesa Puell beklebt eine der Wände in der Galerie mit bedruckten Tapeten , – die gesamte Wand erscheint in einem flirrigen Schwarz.Weiß-Gekrissel, aus der Wand “wachsen” Objekte, die die selbe Oberflächenstruktur aufweisen, der Übergang zwischen 2- und 3-Dimensionalen verwischt.

Ole Mueller


Printprodukte unseres Medien- und Informationszeitalters dienen Ole Müller als Ausgangspunkt für sein bildhauerisches Werk.
So nutzt er recycelte Zeitungen als “weiche” Negative, in die – mit 40 Tonnen Druck – geschnittene Hochglanzmagazine gepresst werden, dort bis zu vier Monate trocknen, um schließlich mit Kettensäge, Raspel oder Schleifmaschinen u.a. bearbeitet, subtil wieder freigelegt, sozusagen”rückgebaut” zu werden. … So werden Strukturen sichtbar, die Erinnerungen an die Kraft der informellen Malerei wachrufen. Es entstehen Handlungsplastiken, Bilder unserer Zeit. (A. v. W.)

Michael Golf


Michael Golf zeigt drei bedruckte Aludibondplatten, die mit spezieller Rubbelfarbe überzogen sind (siehe auch beiliegende Fotos). Das Motiv ist die Darstellung der Deutschlandflagge, 1 x in richtiger Farbreihenfolge, 2 x in falscher. Rubbelt man die Farbe weg (es ist während der Ausstellung erlaubt), erscheinen darunter Schriftzüge, die einen über richtig und falsch aufklären.

Alicia Vela


Alicia Vela wird aus Barcelona mit gefertigten Stempeln kommen und sich auf die Räumlichkeiten der Galerie einlassen

Ral Veroni

 Ral Veroni, Argentinien präsentiert 2 Projekte:

Struggle for Life: entwertete Banknoten, die er mit verschiedenen Motiven bedruckt hat. Diese Banknoten wurden zu werlosen Papieren in der Zeit in Argentinien, als eine Inflation die andere jagte und jedes Jahr neues Geld auf dem Markt erschien, der Rest wurde billig auf Flohmärkten verkauft.
Hierzu gibt es einen Video von Eduardo Orenstein.

Lottery: Ral Veroni schafft sein eigenes Lottery Programm, Looteriescheine, die verfallen sind werden neu bedruckt und in den Kreislauf des Gewinnens und Verlierens wieder eingefügt.

Schnittstelle Druckgraphik 2008

Schnittstelle Druckgraphik II“ lautet der Titel dieser Ausstellung . Wie in der Vorgängershow im Jahr 2000 mit Christine Zoche, Jakob Kirchheim und Jonathan Cassels versammelt Gesa Puell auch dieses Mal Positionen, die sich einerseits, mehr oder weniger klar, zur Druckgraphik als zeitgemäßes künstlerisches Ausdrucksmittel bekennen, und diese aber andererseits in unterschiedliche Grenzbereiche hin verfolgen und überschreiten. Was die Objekte, Installationen, Bilder und dokumentierte Aktionen dieser Ausstellung also verbindet, was sozusagen ihre Schnittstelle darstellt, ist die Verwendung der Druckgraphik als künstlerisches Medium.
Nicht immer wird dies sofort deutlich. So etwa bei den Wandobjekten von Ole Müller, in denen Druckgraphik nur noch in ihrer angewandten Form wieder-verwendet wird.
Es handelt sich nämlich um Printprodukte unseres Medien- und Informationszeitalters, die ihm als Ausgangspunkt für sein bildhauerisches Werk dienen – um Druck-Graphik in einem ganz anderen Sinne:
So nutzt er recycelte Zeitungen als “weiche” Negative, in die – mit 40 Tonnen Druck – geschnittene, übereinander geschichtete, gedrehte, zerknüllte oder sonst vorbehandelte Hochglanzmagazine gepresst werden, dort bis zu vier Monate trocknen, um schließlich mit Kettensäge, Raspel oder Schleifmaschinen u.a. bearbeitet, subtil wieder freigelegt, sozusagen “rückgebaut” zu werden. … Der schließlich als Firnis aufgetragene Lack hat eine zusätzliche archäologische Wirkung, da er durch die oberen Schichten dringt und so darunter liegende wieder freilegt und durchscheinen lässt. So werden Strukturen sichtbar, die Erinnerungen an die Kraft der informellen Malerei wachrufen. Sie erlauben aber auch einen Blick auf ästhetische Phänomene ihrer Ursprungsprodukte: Bei den beiden großen Wandobjekten etwa wurden für das linke Ausgaben der Brigitte, einer Zeitschrift für die reifere Frau verwendet, in der rechten solche des Girlie-Magazins Bravo-Girl. Der Unterschied in der vom Künstler nicht manipulierten Farbpalette ist doch eklatant.
„In konsequent täglicher Arbeit ringt Ole Müller“, wie der vor kurzem so früh verstorbene Andreas von Weizsäcker es beschreibt, „ringt der Künstler die Zeugnisse der Informationsflut nieder, lässt sie in neuer Form auferstehen. [ Es gelingt ihm]…die Gegenwart so zu komprimieren, dass deren Essenz nach Zukunft schmeckt. Es entstehen Handlungsplastiken, Bilder unserer Zeit.“

Bilder unserer Zeit, in einem ganz anderen Sinne, aber von der Tagesaktualität keinen Silberstreifen weit entfernt, sind die druckgraphischen Arbeiten des Argentiniers Ral Veroni.
In seiner Serie: „Struggle for Life“ benutzt er als Bildträger entwertete Banknoten, die er mit verschiedenen Motiven bedruckt hat. Diese Banknoten wurden zu wertlosen Papieren in der Zeit in Argentinien, als eine Inflation die andere jagte und jedes Jahr neues Geld auf dem Markt erschien; der Rest des alten wurde billig auf Flohmärkten verkauft. Seine künstlerische Wiederverwertung ist zunächst ein sehr sarkastischer Kommentar zu dieser finanzpolitischen Situation; und er gewinnt gerade am heutigen Tag, wo berichtet wird, dass der Staat Argentinien kurz vor der Zahlungsunfähigkeit steht, ungeplante Tagesaktualität. Erstaunlicherweise gewinnen diese wertlosen Geldscheine gerade durch seine künstlerischen Interventionen wieder an Wert – einen reellen, auf einer Preisliste darstellbaren, und einen ideellen Mehr-Wert, der vermutlich noch bedeutend höher einzuschätzen ist. Hier sei ein Hinweis in eigener Sache gestattet: Wenn auch Sie zu den krisengebeutelten Anlegern in leeren Wertpapieren gehören: Kunst lohnt sich immer!
Zu der Aktion „Struggle for Life“ gibt es auch ein Video Eduardo Orenstein zu sehen.

Eine zweite Serie des Künstlers heißt „Lottery“: Hier schuf Ral Veroni sein eigenes Lotterie-Programm, indem er Lotteriescheine, die verfallen waren, neu bedruckte und in den Kreislauf des Gewinnens und Verlierens wieder einfügte. Die endlose, immer unerfüllte und leere Hoffnung nach dem großen Glück nimmt Ral Veroni hier auf eine ironische, und doch ganz poetische Weise aufs Korn, indem er den wertlosen Scheinen wiederum den Mehrwert der Kunst darauf und den Wert des Ideellen gleichsam darüber setzt. „Mink – schmink – money – schmoney,; what have you got if you haven’t got love“ sang schon Eartha Kitt vor 50 Jahren, als ironischen Kommentar zur Konsum-Orientierung ihrer Zeit.
Kommentare zu aktuellen Fragestellungen kann sich auch Michael Golf nicht verkneifen.
Als Reaktion auf eine Umfrage unter Deutschen, wie die Farben auf der Bundesflagge angeordnet sind, hat er drei Aludibondplatten bedruckt, die mit spezieller Rubbelfarbe überzogen sind. Das Motiv ist die Darstellung der Deutschlandflagge, 1 x in richtiger Farbreihenfolge, 2 x in falscher. Rubbelt man die Farbe weg (es ist während der Ausstellung erlaubt), erscheinen darunter Schriftzüge, die einen über richtig und falsch aufklären.
Aber Vorsicht: Wer falsch rubbelt, kann sich natürlich auch hier blamieren!
So wie diese Umfrage Ausgangspunkt für Michael Golfs Rubbel-Siebdrucke waren, so ist es häufig die Besonderheit einer Situation, die er vorfindet, auf die er reagiert – und dabei bietet ihm das Medium des Siebdrucks einen schier unerschöpflichen Handlungsspielraum. So nutzte er bei einem Indien-Aufenthalt das spezielle Licht dieser Region für eine Siebdruckserie, indem er beschichtete Siebe unter das flirrende Blätterdach von Bäumen legte, und die irisierenden Sonnenstrahlen die Belichtungsarbeit erledigen ließ. Eine wunderbar poetische Serie mit unscharf verfließenden Rändern, changierend zwischen Konkretion und Abstraktion entstand auf diese Weise.
Gerade in der radikalen Beschränkung auf das Medium des Siebdrucks und dem steten Experiment mit dessen Ausdrucks- und Einsatzmöglichkeiten gelingt es ihm, einer scheinbaren Reduktion auf technische Machbarkeit ein Höchstmaß an Poesie zu entlocken. So druckte er einmal einen Biberschwanz. Er verwandte darauf so viele Druckvorgänge, bis die Darstellung des Schwanzes eine ebensolche Dicke hatte wie das reale Vorbild. Eine weitere Arbeit in dieser Ausstellung zeigt eine Auflage von Papierstreifen, welche in ihrer Mitte lediglich eine dünne Linie aufgedruckt haben. Durch ihre Überlagerung erhöht sich der minimale Farbauftrag so, dass er dreidimensionale, ja haptische Qualität bekommt.
Manchmal reagiert Michael Golf aber auch umgekehrt auf Vorlagen der Poesie. Den Satz Wiliam Shakespeares „Es ist Sparsamkeit im Himmel, sie bliesen aus die Kerzen“ druckte er mit goldener Rubbelfarbe auf schwarzen Hintergrund. Wenn man an dem Text rubbelte – wurde es dunkel.

Poesie und Sprache sind auch die Ausgangssituation für die Wandinstallation von Alicia Vela. Eine Passage aus dem Buch „Fragmente einer Sprache der Liebe“ von Roland Barthes steht im Zentrum dieser Arbeit. In selten gewordener Handschrift, wie in einem persönlichen Tagebuch, ist der Text direkt auf die Wand geschrieben. Der Eindruck von Intimität wird noch verstärkt durch den Schleier, der vor diese Handschrift gelegt ist und der durch die beiden aufgedruckten Mädchenfiguren bewacht wird. Sie wirken wie aus einem Märchenbuch entsprungen und lassen den Betrachter noch mehr zögern, den Bann zu brechen und den Schleier zu lüften. Magie und Märchen, Bann- und Zaubersprüche waren ja die Ursprünge der zunächst schriftlosen Poesie und stehen auch für eine unwiederbringliche Zeit unschuldig naiver Zuversicht, in der das Wünschen noch geholfen hat. Wenn der Schleier (span. velo) geöffnet wird, ist der Zauber gebrochen, der Text bietet sich dar, doch seine Entzauberung geht über in einen neuen Zustand beinahe unerhörter, geheimnisvoller Lebendigkeit und legt sich wie ein weiterer Schleier über das Ich des Eindringenden, der einem Akt höchster Intimität gleicht:
“Die Sprache ist eine Haut; ich reibe meine Sprache an einer anderen. So als hätte ich Worte an Stelle von Fingern, oder Finger an den Enden meiner Worte. Meine Sprache zittert vor Begierde…” (R. Barthes)

Der Siebdruck der beiden bedeutungsoffenen Figuren verknüpft dabei wie ein Kettfaden die tradierten, erinnerten und erdachten Textfäden zu einem feinst versponnenen Gewebe, deren assoziative Textur eine pulsierende Energie freisetzt, welche selbst ohne Berührung den Schleier zum Wehen zu bringen vermag.

Diese assoziative Vermischung und Verwischung von Grenzen verbildlicht sich, ja nimmt konkrete Form an in der Arbeit von Gesa Puell. Es sind Schatten an der Wand, die langsam aus der Wand wachsen, Form annehmen und wieder verschwinden, sich immer an der Grenze zwischen 2- und 3-Dimensionalität bewegend, doch niemals eigentlich richtig greifbar und niemals auch logisch richtig zu fassen – denn sie verhalten sich auch widerspenstig gegen das Raumlicht, bilden selbst wieder Schatten, die dann sogar auf sie selbst fallen können und dann die Form wieder aufheben, die ohnehin einen stets illusionären Charakter hat.
Das Amorphe der Formen tut ein Weiteres zu dieser Ungreifbarkeit, zu diesem Vexierbild an Unfassbarkeit. Wo hört was auf, wo fängt was an?
Geschickt gelingt es Gesa Puell, durch eine kunstvolle Kombination von Siebdruck auf Papier und Glasgriesel auf kaschierten PU-Schaumformen die Grenzen zwischen Fläche und Form aufzulösen in ein ständig kippendes Spiel der Dimensionen. So ensteht ein pulsierender Dialog zwischen den Formen und ihren Schatten, die sich ständig gegenseitig befragen und verändern, von einander weg- oder aufeinander zugehen, ständig die Grenzen sprengend nicht nur unserer Erwartungen an die Eigenschaften eines Schattens, sondern sogar die der realen Vorgaben der Wand und des Lichts.
Nichts könnte schöner die Intentionen und den Titel dieser Ausstellung verdeutlichen: Eine pulsierende Schnittstelle zu sein zwischen den unterschiedlichsten Vektoren künstlerischen Ausdrucks, welche immer eines beweisen: Die Kraft, die Zeitgemäßheit und die Unbegrenztheit der hier verwendeten künstlerischen Medien und der Kunst überhaupt.

Franz Schneider, 2008

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