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Stadt heute

Was war die europäische Stadt?

Die europäische Stadt ist der Ort, an dem die bürgerliche Gesellschaft entstanden ist. Im Gang durch eine europäische Stadt sieht sich der Bürger den steinernen Zeugnissen seiner eigenen Entstehungsgeschichte gegenüber. …
Die Größe ihrer Bevölkerung, die Dichte ihrer Bauweise, die Mischung der sozialen Gruppen und der städtischen Funktionen, das unüberschaubare und enge Mit- und Nebeneinander von Arm und Reich, Jung und Alt, Zugezogen und Eingesessen, von Arbeiten, Wohnen, Vergnügen und Verkehr macht die europäische Stadt zum Ort der Kommunikation, der Arbeitsteilung, der Erfahrung von Differenz, der produktiven Auseinandersetzung mit Fremden und damit zum innovativen Ort.
Aber alle diese Merkmale unterliegen dem sozialen Wandel; sie ändern ihre Ausprägung, verlieren ihren Zusammenhang oder verschwinden gänzlich. Solange der Bewohner einer Stadt an seinem Wohnort auch zur Arbeit geht, seine Kinder zur Schule schickt, das Theater besucht und die Verkehrsmittel benutzt, so lange existiert eine Stadtbürgerschaft, die in sich selber die Konflikte von Arbeiten, Wohnen, Erholen und Verkehr austragen muss. Heute aber organisieren mehr und mehr Bürger ihren Alltag automobil über verschiedene Gemeinden hinweg: man wohnt in A, arbeitet in B, kauft ein in C und führt durch D mit dem Auto. Also sehen sich die Gemeinden Kunden gegenüber, die sehr spezifische Leistungen verlangen: von A ungestörtes Wohnen, von B einen expandierenden Arbeitsmarkt, von C genügend Parkhäuser an der Fußgängerzone und von Schnellstraßen.
Was bedeutet der Strukturwandel für die europäische Stadt?

Die Entfesselung des Verkehrs hat den Prozess ermöglicht, den die europäische Stadt des 20. Jahrhunderts geprägt hat: die Suburbanisierung. Sie beinhaltet die Auflösung der Gestalt der europäische Stadt. Die Kernstädte verlieren Bevölkerung, Arbeitsplätze und sogar die Gründungsfunktion der europäischen Stadt, den Handel. Anscheinend benötigen moderne Gesellschaften nicht die Form räumlicher Zentralität, die im Gefälle von der Stadtkrone zur Peripherie der europäischen Stadt eine so eindrucksvolle Gestalt gewonnen hatte. Das von vielen Stadtplanern propagierte Leitbild der kompakten europäischen Stadt ist politisch nicht mehr mehrheitsfähig und praktisch nicht umsetzbar. Die dichte, vielfältig gemischte europäische Stadt als politisches, ökonomisches und geistiges Zentrum der Gesellschaft, materialisiert in der Stadtkrone von Rathaus, Markt und Kirche wäre also ein historisch gewordenes Modell von Stadt.
Mit der Verlagerung von Wachstum zu Schrumpfen als dominanter Form der Stadtentwicklung wandelt sich die Aufgabenstellung regionaler Strukturpolitik von Verteilungs- hin zu Innovationsaufgaben. Regionale Strukturpolitik hat hier nicht mehr die vorhandenen Strukturen zu stärken, sondern sie gerade grundlegend zu ändern. Innovationen lassen sich aber nicht in hierarchischen Organisationen strukturieren. Für einen Bedeutungsgewinn der lokalen Politikebene spricht daher viel. Und schließlich ist ein politisch normatives Argument anzuführen: wenn der Nationalstaat als Arena politischer demokratischer Beteiligung an Bedeutung verliert, könnte eine Verlagerung des politischen Engagements auf die Ebene der kommunalen Selbstverwaltung eine diesen Politikverlust kompensierende Folge sein.
Was sind die europäische Stadt und ihre Agglomerationen heute?

Die räumliche und funktionale Struktur der Stadt folgt keinem idealistischen Prinzip und auch keinem einheitlichen und kontrollierbaren Bild. Die Stadt ist eher als ein Organisationsfeld zu verstehen, wo sich Inseln für verschiedene Gemeinschaften und Wohnvorstellungen bilden, – oft nur temporär. Wie auch Bindungen an den Ort immer kurzfristiger werden. Diese Nutzungsdynamik beschränkt sich nicht auf das Objekt; sie findet großräumig statt. Insofern kann man heute von einem permanenten Stadtumbau sprechen, der sich insbesondere auf das Umland bezieht.
Verstädterungsprozesse sind nicht nur postindustriell sondern auch postfunktional geworden. Die traditionelle Stadt ist nur noch eine Option unter vielen. Die Standortkonkurrenz hat sich in die Regionen, Agglomerationen und Nationen ausgedehnt. 70 Prozent der Europäer leben heute in einer verstädterten Landschaft. Dabei haben sich viele Agglomerationen zum vollwertigen Siedlungsraum entwickelt. Ein Indiz ist, dass die Verkehrsbewegungen um die europäischen Kernstädte zugenommen haben, während sie zur Kernstadt mehr oder weniger stabil geblieben oder gar rückläufig geworden sind. Um die Städte hat sich also ein Ring mit selbständigen Gemeinden gebildet, die über eigene urbane Infrastrukturen verfügen, d.h. dass die Suburbanisierung in Urbanisierung übergeht. Die Siedlungsstrukturen werden netzartiger, gleichgewichtiger und weniger zentralisiert. Dadurch ist die historische Struktur zwar selbständiger, aber durch Landschaftsräume voneinander getrennte Ort sind länger nicht mehr ablesbar. Die Verstädterung ist längst vielmehr als Hybrid zu verstehen: durch die gegenseitige Durchdringung und Abhängigkeit von Verkehr, Infrastruktur mit Wohninseln, Shopping-Center und Freizeitparks usw. werden die Vorstellungen von dem, was Stadt und Landschaft ist, vieldeutig. Das bedeutet auch, dass Stadt und Landschaft keinen Gegensatz mehr darstellen. Stadt muss man vielmehr aus der Landschaft herausdenken. Dafür spricht das Verständnis, dass sich nicht mehr die Stadt in die Landschaft ausdehnt, sondern dass die Landschaft neu entsteht.
Was ist Urbanität heute?

Urbanität ist nicht mehr auf die Kernstädte beschränkt und kann auch ohne Geschichte existieren. D.h. urbane Orte sind technisch herstellbar und technisch verfügbar. Ortsgebundenheit existiert in reiner, in der eigentlichen Form nicht mehr, weder kulturell noch materiell. Man kann deshalb von einer Hybridisierung des Urbanen sprechen, so dass die Urbanität an neue Grenzen ihrer Künstlichkeit stößt. Eine Folge davon ist die räumliche Einkapselung des Urbanen, das sich allein mit Zeichen und Ikonen formatiert. In Malls und Event-Cities wird Stadt simuliert als eine Trennung von Raum und Ort, was einer globalen Hyperkultur entspricht, die in diesen Centers als Performance vorgeführt wird.
Man kann diese genmutierte Stadt freilich kritisieren; das ändert nichts an der Tatsache, dass sie irreversible gesellschaftliche Prozesse und Siedlungsentwicklungen spiegeln, die mit neuen Arbeitsformen und Lebensgewohnheiten – also Lebensstilen – zu tun haben. Eine negative Folge der Verstädterung des Umlandes ist freilich die politische Schwächung der Kernstadt bzw. die Tatsache, dass die Stadtbenützer hauptsächlich in der Region wohnen. Sie sind Kunden der Kernstadt, sei es als Arbeitskräfte, als Touristen oder als Kulturkonsumenten. D.h. dass die Stadtbürger in der Minderheit und als politische Kraft nicht mehr relevant sind. Mit anderen Worten: die Interessen der Stadtbürger bzw. der Stadtbewohner unterliegen in den meisten Fällen den Interessen der Stadtkunden.
Ideales Wohnen in der Stadt des 21. Jahrhunderts

Erste große Einfamilienhaussiedlungen sind in der wirtschaftlichen Depression der 30er Jahre in den USA entstanden. Das wirtschaftliche Interesse ließ sich mit der Sehnsucht nach einer autonomen Wohnform verbinden, – nach dem Vorbild eines Landadels, der auf dem Land in Sichtweite zur Stadt wohnte. Dieses Wohnmodell prägt bis heute am stärksten die Raumentwicklung um die Städte auch in Europa. So wird auch der Abschied vom Nicht-Städtischen keinen Abschied vom Haus mit Garten bedeuten, auch wenn wiederum eine Tendenz zur Rückwanderung in die Stadt besteht: für wohlhabende Alleinstehende oder untere soziale Schichten z.B. bleibt das Haus im Grünen das Symbol für sozialen Aufstieg und soziales Ansehen. So steht das Haus im Grünen denn auch für eine fast flächendeckende Sammlung von Stilblüten. Die Kombinatorik vorgestanzter Elemente aus einem universalen Hausbaukasten strebt dabei nicht nach baukünstlerischer Originalität, es dürfte sich eher um die materielle Verwirklichung einer Bedürfnislage handeln, die im gesamtgesellschaftlichen Maßstab wirkt und auf Abgrenzung bei gleichzeitiger Einbettung zielt. Wohnbauten dieser Art, Gruppierungen von Einfamilienhäusern zu Wohninseln positionieren sich nach einer Logik, die gleichermaßen mit ökonomischen wie rechtlichen Rahmenbedingungen zusammenhängen wie mit irrationalen, allenfalls psychologisch deutbaren Gründen. Folgt man den Spuren dieser Einbindung der Häuser, den Straßen, den sichtbaren wie unsichtbaren Infrastrukturen, dann wird letztendlich das Beziehungsgeflecht der Stadt augenscheinlich und selbstverständlich. Es ist die Stadt der Einfamilienhäuser, der Hallenparks und Fitness-Center, der McDrives und Blumenständer, der Autohändler und Baumärkte, der Wiesen mit Kühen und Restflächen. Nimmt man das Haus als Ausgangspunkt, als Mittelpunkt der darin lebenden Stadtbewohner, kann die Struktur, das Funktionieren der Stadt an deren täglichen Handlungen nachvollzogen werden. Die Bewohner schaffen sich ihre Stadt anhand der Ziele, die sie innerhalb einer zumutbaren Zeit erreichen können. Das Muster, das diese Zielpunkte bilden, stellt für die betreffenden Personen die Stadt dar. Je größer die Zahl der Zielpunkte, um so reicher und vielfältiger ist die Stadt für die Bewohner. Diese Stadt ist eine Stadt à la carte.
So klischeehaft diese Zusammenhänge sind, so einfach ist das Funktionieren. So ausgedehnt und bevölkerungsreich diese Agglomerationen in Europa heute sind, soviel Unverständnis und Unsicherheit lösen sie bei der Frage nach deren planerischer Bearbeitung oder Steuerung aus. Zwischen einem resignativen oder abwartendem Laisser-faire außerhalb der Zentren und dem nicht zu gewinnenden Kampf um die kompakte Stadt finden sich Politiker wie Architekten und Stadtplaner gemeinsam in einem schwankenden Boot.
Was bedeutet Öffentlichkeit im 21. Jahrhundert?

In der Städtebaugeschichte hinkt die urbanistische Theoriebildung fast chronisch der urbanen Realität hinterher. Dies gilt auch für die Bedeutung des öffentlichen Raumes und dessen Abhängigkeit vom Strukturwandel der Öffentlichkeit. So ist auch die soziologische Kritik aus den 80ern überholt, welche die Zerstörung der Öffentlichkeit und ihres Raumes diagnostizierte. Sei es durch die Massenmedien, sei es durch die Privatisierung der Stadträume. In Wirklichkeit sind viele neue Formen und Inhalte von Öffentlichkeit entstanden, die sich mit den traditionellen soziologischen Kategorien, Emanzipations-anstrengungen und Aufklärung nicht beschreiben lassen.
Es gibt heute ein Universum von Teilöffentlichkeiten: diese sind vielgestaltig, transitorisch und reflexiv. Sie konstituieren sich über Freizeit, Sport, Moden, Geschmäcker usw. Dazu gehört, dass die bürgerliche Öffentlichkeit nicht einfach verschwunden ist, sondern dass sie lediglich ihre Leitfunktion verloren hat. Insofern befinden wir uns in einem Ablösungsprozeß von der bürgerlichen Öffentlichkeit, die auch eine Befreiung von einer pädagogisch orientierten Öffentlichkeit zugunsten einer stark heterogenen, unüberblickbar vielfältigen Öffentlichkeit darstellt. Ebenso hat die These, dass die Öffentlichkeit vom Bildschirm verschluckt wird, Beweisnot. Die mediale Öffentlichkeit scheint die räumlich erfahrbare nicht zu ersetzen. Sie wird auch nicht als Ersatz empfunden. Es sprechen viele Indizien dafür, dass die Medien weitgehend botschaftslos funktionieren und kein Ersatz für urbane Kommunikation sein können.
Im 21. Jh. ist ein Stadtraum ein Ort des öffentlichen Lebens, wenn man die Differenzen zum privaten bewusst macht. Wenn er als Ort der Überschreitung wirkt. Öffentliche Räume sind das Gegenbild zu dem, was nicht Spielraum ist, was nicht Anders-Sein ist. Die Familie, der Wohnort, die Identität. Ein so entstandener öffentlicher Raum lässt sich nicht herstellen, da das Herstellen ja bereits das Vorgeplante, Vorgedeutete und Identität beinhalten würde. Er ist deprogrammiert und über einen Möglichkeitsraum hinaus weder ästhetisch bevormundend noch lebenspädagogisch aufgeladen, noch funktionell vorbestimmt. Ihm eingeschrieben ist gewissermaßen eine Bedeutungsleere. Mit anderen Worten: wenn es den öffentlichen Raum noch geben kann, dann konkretisiert er sich darin, dass er laufend durch Aneignung interpretiert werden kann. Als Orte des Ungewöhnlichen, der Verrückung von Sicherheiten, der unbekannten Möglichkeiten, des spielerischen Zufalls. Kurz: Orte des öffentlichen Lebens, wo das gesellschaftliche Selbstverständnis nicht selbstverständlich ist, deshalb kommunikativ bleibt und ständig erneuert wird.
Diese öffentlichen Räume sind nicht mehr repräsentative Räume, wie sie im 19. Jh. als Plätze, als Boulevards, als Passagen und dergleichen entstanden sind. Es sind Orte des Dazwischen, nicht inszenierte Orte, Zwischenräume, Resträume auf Industriebrachen oder Tankstellen, Wäschesalons, Kioske, temporäre Veranstaltungen, Zwischennutzungen in Abbruchobjekten. Solche öffentlichen Orte koexistieren heute mit anderen, eher gegensätzlichen Formen von Öffentlichkeit in den neuen Shopping-Centers und Erlebniswelten. Es handelt sich bei ihnen um eine Umwertung des öffentlichen Raumes. Funktionen, Verhaltensformen und Zugänglichkeit sind präzise reglementiert. Fremdes, Unkontrollierbares sind ausgegrenzt. Alles dreht sich um die Inszenierung der Waren, die über ein übergeordnetes Zeichensystem vermittelt ist und das sich auf Geschichte, Kunst, Urlaub und vor allem Liebe usw. bezieht. Um mehr Profit zu erzielen, werden Träume ans Licht gezerrt, sagt James Roses, ein Planer vieler Shopping-Centers. Dazu gehören nicht nur Disneyworlds, Shopping Malls oder das Bonaventura Hotel in Las Vegas, sondern auch architektonische Exclusivitäten von den sog. Stararchitekten. Wie etwa das Jüdische Museum von Libeskind, das Educatorium von Koolhas. Insbesondere authentische Erlebnisarchitekturen wie die Weisertherme von Thumzor und musealisierte Altstadtkerne.
Es scheinen sich also die unterschiedlichen Bedürfnisse nach öffentlichen Räumen zu polarisieren: auf der einen Seite der kontrollierte, „saubere“ gestaltete Raum, auf der anderen Seite der öffentliche Raum, der Urbanität ex negativo definiert. Wer planerische und gestalterische Überschüsse produziert, so die Negation des ex negativo, hat das Gelände verfehlt, weil er den urbanen Fluss verdickt.
Wie kann die neue Stadtlandschaft wahrgenommen werden?

Die Frage nach der Wahrnehmung, nach dem ästhetischen Zugang zu diesen Gebieten, die wir heute als „Zwischenstadt“, als Agglomerationen halb städtischen, halb landschaftlichen Charakters ansehen, ist problematisch. Geht man von einem weiten Konzept von Wahrnehmung und Ästhetik aus, nämlich von dem, was eine Gesellschaft wahrzunehmen bereit ist und als Gegenstand anerkannter Wahrnehmung auch thematisiert, dann ist festzustellen, dass die zwischenstädtischen oder auch zwischenlandschaftlichen Gebiete bis vor etwa 40 Jahren gar nicht, auch aus künstlerisch-ästhetischer Sicht nicht wahrgenommen wurden. Dann boten sie ein Feld für ästhetische und philosophische Avantgardisten und werden erst seit wenigen Jahren aus Planerperspektive als Strukturen mit eigenen und eigenartigen Qualitäten gesehen.
Das Sehen der Agglomeration, der Stadtlandschaft steht heute immer noch in seinen Anfängen. Auch wenn die Auswahl dessen, was man dort zu sehen bekommt, mittlerweile relativ klar ist. Gewerbegebiete, urbane Zonen mit Siedlungen verschiedenster Art, Handelszentren und Industriegebiete, Freizeitanlagen wie Sporthallen und Discotheken, Flughäfen, Einkaufs- und Entertainmentzentren, die sich in nicht offensichtlich geordneter und auch nicht auffällig koordinierter Weise um die Städte oder kleineren Kerne herum ausgebreitet haben. Dazu kommen Felder, Wiesen, Tankstellen, Brachen, Militärgelände, Waldstücke, gelegentlich ein Schloss, gelegentlich ein Klärwerk. Jeder dieser Teile – und das ist eine der irritierenden Eigenschaften – scheint sich gegen die anderen zu sperren und einzeln zu leben. Er wirkt autistisch. Verbunden mit anderen Teilen und getrennt von ihnen ist er durch Straßen oder Schienen. Diese definieren die Bewegungsmöglichkeiten von einem der Teile zu einem anderen. Von einem Funktions- und Aktivitätsort zum nächsten, von der Wohnung zum Arbeitsplatz zu Freizeitanlagen. Die Befahrung der Wege führt durch Zwischenräume, die als eigene Wahrnehmungsgegenstände nicht in Betracht kommen, sei es, weil sie zu heterogen sind, weil sie an Orten vorbei führen, denen keine interessierte Wahrnehmung gilt. Offensichtlich wollen viele Leute gar nicht in innerstädtischen Bezirken wohnen. Offensichtlich wollen viele Firmen in ihnen gar nicht arbeiten. Und möglicherweise passt das, was Liebhaber und Liebhaberinnen der europäischen Stadt sich wünschen, nicht mehr zusammen mit dem, was als normales Verhalten gilt.
Welche Gestalt nimmt der städtische Raum an?

Nicht alle, aber die meisten aktuellen Versuche, die Städte zu revitalisieren, bleiben – und das ist bemerkenswert – genau auf der Spur des Traumes von der Stadt, einer Erinnerung an Bedingungen, die eine permanente hochgestimmte Spannung und Erlebnisintensität erzeugen. Wo immer Urbanität erzeugt werden soll, haben wir es mit dem Wunsch der Wiederbeatmung der faszinierend und beglückend dichten Stadt und mit einem im Grunde anachronistischen Konzept zu tun. Die zeitgenössische Stadt aber lässt sich nicht überschauen, auf eine Form oder Ansicht reduzieren, noch wird sie durch die Maße eines Territoriums bestimmt. Sie erstreckt sich vom privaten Apartment bis in die globalen Netzwerke der Finanz-, Kommunikations- und Transporttechnologien. Sie befindet sich in einem Zustand des beständigen Austauschs von Gütern und Informationen. Ihre materielle Gestalt suggeriert, dass sie ein zusammenhängendes Ganzes bleibt. Aber wo soll dieses Stadtgefüge seine Grenze finden? Die zeitgenössische Stadt ist mittlerweile so stark mit der umgebenden Welt in allen Maßstäben – lokal, regional und global – verbunden und verknüpft, dass es nicht mehr möglich ist, sie noch als singuläres Ganzes zu begreifen.

Der Raum der Alltagsrealität kann als subjektives Territorium beschrieben werden, als ein Netz aus sozialräumlichen Handlungsmustern zwischen Wohnung und Arbeit, Einkaufen und Freizeit. Dieses Netz hat längst die kommunalen Grenzen überschritten und verknüpft in Form von Wahrnehmungssequenzen weit auseinanderliegende Orte, bildet eine Stadtkonstellation, die in sich beweglich ist und sich nicht unabhängig von einer mobilisierten Wahrnehmungsperspektive erschließt.
Aber nicht nur die immer leistungsfähigere Transporttechnologie verstärkt die Beweglichkeit des Raumgefüges, – auch die Massenkommunikationsmittel lassen die Stadt beweglich werden. Sie kann andere Orte in sich aufnehmen. Mit einem Schalterdruck stellen sich jederzeit neue Raumanschlüsse her. Die Stadt hat an Komplexität und Mehrdeutigkeit gewonnen. Diente der Ausbau der Infrastruktur vom Beginn der Industrialisierung bis in die 60er Jahre zunächst der Integration und der Zusammenfügung der Stadt, so kehrte sich die Wirkung seit den 60er Jahren. Mit dem Ausbau auf regionaler und nationaler Ebene wurde die Stadt fragmentiert und partikularisiert. Jeder Ort kann nun zum Zentrum werden.

Zwei grundlegende Prozesse bestimmen die Entwicklung der Raum- und Siedlungsstruktur: das anhaltende dynamische Siedlungswachstum im Umland der großen Städte und der weiter zunehmende KFZ-Verkehr. Der ursprünglich suburbane Ergänzungsraum wird zum vollwertigen Siedlungsraum mit einem eigenständigen Zentrensystem und einer zunehmend internen Vernetzung.
Aber es ist ein einzigartiger Raum, auch wenn er seine Homogenität eingebüßt hat. Es ist der städtische Raum, der sich längst von der Stadt abgelöst hat, eine Stadt ohne Stadt hervorgebracht hat, die nicht sichtbar ist oder die zu sehen gelernt sein will. Das Städtische sollte nicht mit einer Form der Urbanität verwechselt werden, welche durchwegs schizoid durch räumliche Absonderung und gesellschaftliche Aufspaltung gekennzeichnet ist oder mit einem Urbanismus gleichgesetzt werden, der der Fiktion von Gleichartigkeit und Gemeinschaftlichkeit anhängt. Die Heterogenität des Städtischen, das sich als Einheit aus Widersprüchen, als Raum des Zusammenpralls und der Konfrontation bestimmen lässt, entzieht sich der Synthetisierung. Das Städtische lässt sich nicht in einem singulären Raumbild fixieren, noch zu einem Bild formen.

Text nach: Grazland 100 % Stadt
Dokumente zur Architektur 17/18 / Video-Begleittext unter Verwendung von Texten von Susanne Hauser, Ernst Hubeli, Michael Koch, Michael Müller, Harald Saiko, Ulrich Schwarz, Walter Siebel, Harald Sükar, Kai Vöckler, Alexa Waldow-Strahm u.a.

Mit freundlicher Genehmigung: (c) Haus der Architektur Graz 2003

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TAKE THE SAME AND REPEAT – Isabelle Tondre

Isabelle Tondre | take the same and repeat

Eröffnung am Freitag, 20. Januar 2017, 20:00 Uhr
Einführung: Stephanie Gilles, M.A.

21. Januar – 11. Februar 2017
Do – So 14 : 00 – 17 : 00 Uhr

Ein sattes Cadmium-Gelb, von der Mitte des Holzes zu seinen Rändern fließend, mit der dicken Konsistenz von Eidotter. Aufgehalten durch eine scharfe dunkelblaue Linie, die die unteren Kanten des Bildes umschließt wie eine Kontur, welche begrenzt und gleichsam trägt. Ein gewundenes florales Muster aus Rottönen und Aegeanblau, tiefdunkel bis blass. Gerundete Unterkanten und vertikale chiffon-weiße Streifen, die sich massiv und sanft zugleich über das Muster legen und es beinahe verstummen lassen.
Ein Wort erhält neue Bedeutungen, wenn man es mit anderen Wörtern zu einem Satz verbindet. Isabelles Arbeit folgt demselben Prinzip. Ihre Bilder ergänzen sich aber nicht einfach zu einem Ganzen, sie reagieren aufeinander, verstärken sich, stoßen sich ab, verändern sich. Sie passen nicht, sie kohabitieren. Einige sind ideale Partner, andere können sich nicht ertragen. Die Ausstellung TAKE THE SAME AND REPEAT, vom französischen On prend les mêmes et on recommence, ist ein Reset, eine Reorganisation der Werke zu einem neuen Ensemble, ständig oszillierend zwischen bildhafter Illusion und reiner Präsenz, zwischen emotionaler Berührung und ironischer Distanz.

 

First, a thick Cadmium yellow, widely spread out from the middle of an almost square wooden panel to the sides, with the bold consistency of an egg yolk stopped by a sharp and shady blue line that closes the bottom corners of the painting, like a contour, precluding the yellow form while supporting it. Further on, a rather gestural floral pattern with Cadmium red tones and a creamy Aegean blue that goes from deep dark to pale. The bottom corners of the format are cut round and the floral motive is overlapped by two chiffon-white bands, solid but appeasing, partly shutting up the pattern.
Assembling a word with other words gives it a new dimension and forms a sentence – Isabelle’s paintings have an analogous configuration. They don’t however only complete each other to make a whole, they are at odds, disagree, respond with variances or enhance each other. Isabelle’s pieces don’t fit, they cohabit. Some are absolute partners while others can hardly bare each other. The show TAKE THE SAME AND REPEAT, from the French expression On prend les mêmes et on recommence, is a reset, a readjustment of works forming a new ensemble, oscillating between illusion and pictorial presence with emotion and irony.


mit freundlicher Unterstützung von Stadt Landshut und Sparkasse Landshut
sowie Sabine Schürhoff-Dobler und Rainer Dobler

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planparallel

„planparallel #8“ lautet der lapidare Titel der Ausstellung der Neuen Galerie Landshut, die am kommenden Freitag, den 25. November um 20:00 Uhr eröffnet wird.

Hinter dem Titel verbirgt sich der Verlag „planparallel“, den die Münchner Künstlerin Gesa Puell zusammen mit Joe Holzner betreibt und dort druckgrafische Original-Produktion und verlegerische Tätigkeit verbindet.  Lithographie und Holzschnitt sind der Schwerpunkt des  Verlages, der jedes Jahr auch eine exklusive Weihnachtsedition zu einem – zeitlich begrenzten – sehr günstigen Preis herausbringt. Eine Auswahl des Programms von planparallel – Originalgrafiken als Einzelblätter, Mappenwerke und Künstlerbücher – zeigt die Neue Galerie Landshut bis 11. Dezember im Gotischen Stadel auf der Mühleninsel: ein breites Angebot zeitgenössischer Kunst international bekannter Künstler wie Jerry Zeniuk oder Bernd Zimmer, etablierter Künstler wie und junger Talente wie  Gesa Puell, Ingrid Floss, Michael Runschke oder Uli Zwerenz, sowie jüngerer Talente wie Julia Beer, Motoko Dobashi, Christoph Lammers, oder Katharina Ulke.
Die Austellung ist geöffnet donnerstags bis sonntags von 14:00 bis 17:00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

MOTKO DOBASHI

INGRID FLOSS

CHRISTOPH LAMMERS

GESA PUELL

MICHAEL RUNSCHKE

KATHARINA ULKE

JERRY ZENIUK

BERND ZIMMER

ULI ZWERENZ

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Doris M. Wuergert & Esther Rutenfranz – Klare Verhältnisse

Blick in die Ausstellung

27. Februar bis 20. März 2016
Donnerstag bis Sonntag 14 –17 Uhr
20. März, 18:00 Uhr: Finissage mit tänzerischer Überraschung

Die Motive von Doris Würgerts Projektionen sind Tänzerinnen und Boxer in Bewegung, doch sind diese Bewegungen unnatürlich verlangsamt, und deren Gesten zielen scheinbar ins Leere; es sind Handlungen, die jedes versichernden Zusammenhangs entbehren, ja aus Zeit und Raum enthoben sind. Wie auf einer imaginären Bühne bieten sie sich dem Betrachter dar und entziehen sich zugleich, zwischen Authentizität und Künstlichkeit, zwischen Realität und Traum oszillierend. Ihre Interieurs wiederum verweigern sich jeder eindeutigen Einordung: Die Gefäßdarstellungen auf Simsen überwältigen den Betrachter durch ein enormes Blow Up und entschwinden ihm im gleichen Augenblick, indem sie gleichsam in den Bilduntergrund hinein verblassen. Die Raumsituationen wiederum sind collagierte Mehrfachaufnahmen, die in minimalen Perspektivwechseln eine Szenerie völlig realistisch wiedergeben und zugleich durch diese leichten Verschiebungen ins Schwanken bringen.
In atmosphärisch und emotional aufgeladenen Szenen kollidiert immer wieder die Suche nach der einen, vollendeten Bewegung, nach der präzisen und perfekten Darstellung mit dem Unfertigen, dem Vorläufigen und Defekten und verweist in diesen Spannungsfeldern auf die Schönheit des Vergeblichen.

Brechungen, Perspektivwechsel und Spiegelungen findet man in Esther Rutenfranz‘ Bildern. In einer Serie von Bäumen etwa werden diese von einer imaginären Wasseroberfläche reflektiert, wobei die Reflexionen wirklicher scheinen als die Bäume selbst und das Bild ins Kippen bringen. In ihren Porträts bieten sich die Personen oft in schwer durchschaubaren Posen und Bewegungsmomenten dar; sie scheinen wie Schnappschüsse aus einem Zusammenhang gerissen und vermitteln einen schattenhaften, unwirklichen Eindruck.
Tatsächlich sind es Bilder aus der Vergangenheit, die Porträtierten sind längst um Jahrzehnte älter, und nur die Bildträger – Wachstuch alter Tischdecken oder Kindertaschen – deren Motive sich mit den Porträts vermengen, sind noch präsente Gewähr des Gewesenen, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Wie enthüllt sich im Vergangenen das Zukünftige, wo ist im Hier und Jetzt das Vergehen bereits angelegt – bei Esther Rutenfranz’ malerischen Arbeiten verschränken sich Raum und Zeit zu einem undurchdringlichen Geflecht, als wollten sie Albert Einsteins Satz belegen, dass selbst der Tod nur eine optische Täuschung sei.
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