Kategorie: Archiv

Friederike & Uwe

Pixel de Luxe

Friederike & Uwe

„Pixel de Luxe“

Eröffnung: Freitag, 30. April 2010, 20:00 Uhr
Hierzu sind Sie und Ihre Freunde herzlich eingeladen!

01. Mai – 23. Mai 2010 Do – So 15:00 – 18:00 Uhr

Führungen So, 09. Mai und 16. Mai, 15:30

mit freundlicher Unterstützung von Stadt Landshut und Sparkasse Landshut

F & U

Friederike & Uwe – „Pixel DeLuxe“


Seit 1994 arbeiten „Friederike & Uwe“ in München als Künstlerduo zusammen.
Nach einigen Jahren der Beschäftigung mit Kitsch-Art in allen Erscheinungsformen (Fotografie, Objekt, Video, Performance etc. – siehe auch das „Friederike & Uwe“ Buch) haben sie die Mosaiktechnik in Verbindung mit moderner Computertechnologie für sich als Bildmedium entdeckt.

Schwerpunkt ihrer gemeinsamen Arbeit sind seit 1998/99 Mosaiken aus dem Spielzeug-Puzzle „ministeck“ und diversen anderen Kunststoffmaterialien, wie zum Beispiel Kunststoff-Verschlusskappen für Getränkeflaschen, Plastikstäbchen und Kunststoff-Plotterfolien.

Dabei erzeugen die beiden Künstler am Computer mit Hilfe von digitalisiertem Bildmaterial und entsprechenden Bildbearbeitungsprogrammen exakte Entwürfe für ihre anschließend in filigraner Handarbeit analog umgesetzten Kunststoffmosaike.

Es geht ihnen dabei nicht primär um die bloße Umsetzung von Bildern in Mosaike, sondern vor allem um die Erforschung der Pixel-Strukturen unter verschiedensten Bedingungen sowie die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Technik und dem Material Kunststoff.
Fragen der Farbgestaltung und der Komposition spielen dabei natürlich ebenso wie in der Malerei eine große Rolle

Motivisch behandeln sie aktuell Themenkreise zwischen Idyll und Gewalt („Tulpen und Terror“ textete die SZ): diffuse allgemeine bzw. gemeinsame Erinnerungen ihrer Generation, mehr oder weniger bedeutsame Belanglosigkeiten und Momente des Lebens, Krieg als Unterhaltung, Blut als ästhetisches „Computerspiel-Still“.
Es geht ihnen dabei um medial vermittelte Realitäten, um das Verhältnis von Inhalt und Oberfläche, um den Bezug von Kunst, Künstlichkeit und Leben. Die stellenweise Ununterscheidbarkeit, der fließende Übergang von Virtualität und Realität ist dabei thematisch von großem Interesse – das Leben als Simulation.
Dabei versuchen sie, nie den Humor zu verlieren, einerseits um ironische (Selbst-)Distanz zu wahren, andererseits sozusagen als letzte Waffe im Kampf gegen die Absurdität des Daseins, gegen Resignation und Hilflosigkeit.

Das von den beiden nahezu ausschließlich verwendete Material Plastik steht hierbei als Ausdruck ständiger Verfügbarkeit, für Überfluss, Unverrottbarkeit und Uneitelkeit, aber auch als Symbol für geronnene Künstlichkeit, für die uns alle längst umgebende bunte Plastikwelt.
„Die Umwelt von Friederike & Uwe besteht aus Plastik in sämtlichen Formen und Aggregatszuständen, sie selbst in „Original-Verpackung“ eingeschlossen. So nehmen sie vorweg, was möglicherweise nicht nur in Sicht kommt, sondern schon bald da sein wird: den Plastikmenschen.“ (Aus: Applaus 7/8 2001)

Der Pixel, Grundelement der digitalen Optik, erstarrt in Kunststoff, wird so für „Friederike & Uwe“ zum „Mosaikstein“ der Epoche, der thematisch wie stilistisch vielfältig eingesetzt werden kann.

Pixel de Luxe

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Etsuko Fuzuki & Eiichi Tsujino

Radierungen und Skulpturen

ETSUKO FUZUKI „KITCHO – Gutes Omen“ | EIICHI TSUJINO „Garden“

Double Solo Show

Eröffnung: Freitag, 18. Juni 2010, 20:00 Uhr

Hierzu sind Sie und Ihre Freunde herzlich eingeladen!

19. Juni – 11. Juli 2010 Do – So 15:00 – 18:00 Uhr

Schirmherrschaft:
Japanisches Generalkonsulat, München
Japanisch-Deutsche Gesellschaft, Kagawa
OAG Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens

mit freundlicher Unterstützung von Stadt Landshut und Sparkasse Landshut

sowie

For double solo exhibition by Eiichi Tsujino and Etsuko FuzukiNomura Foundation


at Neue Galerie in Landshut, Germany

The word, ‘ORIGIN’ is derived from a Latin, ORIGO or ORIRI, whose meaning is where the sun rises. Then, it should mean east, or the countries in Asia and Far East… When the western people utter the word, ‘ORIGIN’ or ‘ORIGINALITY’, it is guessed that they the origin of the word could touch their conscious. For those people in the western culture who are interested in the origin of things, it is not a mystery that their culture shares the same ancestry with the east. Today, when the western looks at the east through the eyes of a foreign culture, with their curiosity, they understand what it is about, and it is no surprise if it brings sympathy as well as wonder and admiration to otherness. In that sense, the sculpture that Eiichi Tsujino creates from one piece of wood is the visualization of the spirit that was actually born, grown and inherited in the east. It must be nothing more than a surprise for those who live in stone culture. At the same time, they could listen to the spirit of the art work speak, and communicate with it. ‘GARDEN’ by Eiichi Tsujino is the sculptures of mysterious life forms overwhelm you with the dynamism of its scale, while you can see the way the delicate spirit exists in them. It is difficult to imagine how emotion would be welled up when the western people see his works…it is no doubt that it would be huge. Etsuko Fuzuki is the artist who expresses her own inner self through copper engraving. Though the technique she uses is the western origin, her works are very Japanese in terms that the constituent elements are eliminated off to their limit, when they catch the moment of mind and situation. It gives a direction for the western to see the east. German people see her copper engravings like they are ink-wash paintings. Those who learn western block print would want to try the print on Japanese paper without fail, which is the wish for the co-existence of east and west in harmony. The mezzotint work of almost black color includes a bright part that looks like light is reflected as if there is the source behind, where hope, aimless longing for the unknown, shapeless future and something in the past exist. This little work talks to you about them. The western world used to be the owner of norm of art world. However, that kind of value is aged in today’s fast-paced communication and globalization. True value is overviewed by the two worlds through the shared or close perspective each other. Both artists have had solo shows at the gallery I own. I am very grateful for their adventures in Germany wishing every success for them. My expectation is high on their development and evolution, that will take them to the next horizon.

Shinobu Ino (architect)
November, 2009INO ARCHITECT & ASSOCIATES & GALLERY inos
1-1-1-Meguro Meguro-ku Tokyo, Japan 153-0063
TEL: 03-3716-5811
FAX: 03-3716-5812
http://home.att.ne.jp/sky/inos/index.html


Aktuelle Kunst aus Tokyo

„Garden“ lautet die Konstellation von Skulpturen und Reliefen des japanischen Künstlers Eiichi Tsujino, dessen gemeinsame Ausstellung mit Etsuko Fuzuki am Freitag, 18. Juni um 20:00 Uhr in der Neuen Galerie Landshut auf der Mühleninsel eröffnet wird.
Tatsächlich hat der Besucher den Eindruck, eine botanische Sammlung zu betreten, doch wird er dort mit Lebensformen konfrontiert, die in keinem Lehrbuch zu finden sind. Es sind seltsame, beinahe außerirdische Gebilde, die einem Zwischenstadium von pflanzlichem und tierischem Leben entstammen könnten, Zugleich wirken diese Formen seltsam vertraut, als seien sie direkt einem Traum entsprungen. Sie überwältigen den Betrachter ob ihrer schieren Größe und sind doch bei näherem Besehen zart und fragil, was besonders der delikaten Behandlung ihrer hölzernen Oberfläche durch den Künstler zu verdanken ist: Jeweils aus einem Stück geschnitten und gehauen, werden sie einer speziellen Behandlung mit dem Flexeisen unterzogen, welche je nach Dauer der Behandlung jeden Quadratzentimeter der Oberfläche in Farbe und sinnlicher Qualität unterschiedlich erscheinen lässt. Diese feine Ziselierung gibt den Skulpturen eine weitere pulsierende Anmutung von Lebendigkeit, welche die Schwere der großformatigen Holzskulpturen vergessen lässt und den Geist fernöstlicher Kunst atmet.
Dies trifft in ebenso großem Maße auf die Radierungen von Etsuko Fuzuki zu. Sie arbeitet in der – westlichen – Technik des Tiefdrucks, den sie jedoch von einem japanischen Meister erlernt hat. Ihre Mezzotinto-Arbeiten tragen häufig poetische oder lyrische Titel, die innere Zustände und Vorgänge beschreiben und die, obwohl deutlich von östlichen philosophischen Lehren beeinflusst, eine Brücke schlagen zu den Empfindungen westlicher Betrachter. Was auch immer Bildanlass von Fuzukis Radierungen wird, – ein klassisches Konzert, eine Mondnacht oder ein Waldspaziergang – immer wird er jeder Schwere entkleidet und zu einem flüchtigen Bildeindruck kondensiert, der sich oft nur noch als Lichtreflex in einem von mattem Schwarz getränkten Papier wieder findet und dennoch alle Assoziationen des Betrachters aufbewahrt und in einem innigen Dialog freigibt. Die unmittelbare Gegenwart dieses Schwarz steht in einem ähnlichen Kontrast zur Immaterialität des Bildes wie die fragile Lebendigkeit der Skulpturen Eiichi Tsujinos zur wuchtigen Schwere des hölzernen Ausgangsmaterials.
Die Ausstellung, die von einem Vertreter des Japanischen Generalkonsulats eröffnet wird, dauert bis 11. Juli und ist geöffnet Donnerstag bis Sonntag von 15:00 bis 18:00 Uhr. Führungen können gegen Anfrage gerne angeboten werden: (0871-6877046)
Franz Schneider
Etsuko Fuzuki
KITCHO – Gutes Omen

Eiichi Tsujino
Garden

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Joe Barnes – Nicholas Bodde


Joe Barnes & Dr. Nanna Preußners
zur Eröffnung der Ausstellung
JOE BARNES – NICHOLAS BODDE
Double solo show
am Freitag, 16. Juli 2010, 20:00 Uhr
laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein.
Die Künstler sind anwesend.
Einführung: Dr. Nanna Preußners, Hamburg17. Juli – 8. August 2010
Do – So 15:00 – 18:00 Uhr
Führungen durch die Ausstellung auf Anfrage.

In Kooperation mit schaltwerk Kunst, Hamburg


Einführungstext

von Dr. Nanna Preußners, schaltwerk KUNST, Hamburg

Herzlich willkommen zu der Ausstellung von Joe Barnes und Nicholas
Bodde, die hier in Landshut zum ersten Mal gemeinsam ihre Arbeiten
zeigen.
Diese double solo show zeigt zwei Positionen reduzierter,
ungegenständlicher Kunst und bevor ich näher auf die Werke eingehe,
möchte ich mit einer kurzen Exkursion zu den Anfängen dieser Art von
Kunst beginnen.
Seit der Renaissance bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war die
westliche Kunst durch die perspektivische Darstellung geprägt und die
Künstler waren entschlossen, eine Illusion der sichtbaren Wirklichkeit
zu reproduzieren.
Mit den fundamentalen Veränderungen in der Wissenschaft, Technik und
Philosophie gegen Ende des 19. Jh.s/zu Beginn des 20. Jh.s haben auch
viele Künstler die Notwendigkeit verspürt, eine neue Art von Kunst zu
schaffen. So haben sich zahlreiche Bewegungen abstrakter Kunst
entwickelt. Ich bin sicher jedem von Ihnen sind die Begriffe
Impressionismus, Kubismus, geometrische Abstraktion geläufig. Viele von
Ihnen werden das Bild des russischen Avant-garde-Künstlers Kasimir
Malevich BLACK SQUARE ON A WHITE FIELD von 1913 oder sein WHITE ON WHITE
von 1918 kennen. Malevic hat für seine Kunst den Begriff Suprematismus
geprägt, aber tatsächlich sind dies die ersten Beispiele
ungegenständlicher Bilder. Ungegenständliche oder gegenstandsfreie Kunst
bringt keinerlei Spur einer Referenz zu irgendetwas Wiedererkennbaren
hervor.Nicholas Bodde, dessen Arbeiten wir hier auf der unteren Etage sehen,
knüpft mit seinen geometrisch-reduzierten Arbeiten unverkennbar an die
Tradition dieser Kunst an und überführt die Ideen konkreter Malerei in
eine farbintensive Bildwelt. Kennzeichnend dafür sind klare, stets
horizontal ausgerichtete Farb-Linien und -Flächen auf geometrisch
geformten Bildträgern. Der Künstler arbeitet in einer weit gefächerten
Palette an reinen Farben und eigenen Mischungen, wobei viele Farben
immer wiederkehren, sich aber nie in derselben Arbeit wiederholen.
Bodde konfrontiert verschieden gewichtete Farbenergien, lässt sie sich
gegenseitig mal intensivieren, mal mindern. Dabei entstehen immer wieder
neue Farbklänge: manche Nachbarschaften gehen eine harmonische
Verbindung ein, bei anderen Kombinationen beginnen die Flächen zu
schwirren und entwickeln ein dynamisches Eigenleben, springen zwischen
nah und fern hin und her.
Was auf den ersten Blick wie einfarbige, dichte Farbbahnen anmutet, legt
bei genauerer Betrachtung die Vielzahl der verwendeten Materialien und
Techniken, sowie die Reihenfolge des Farbauftrags offen. Auf den nur
wenige Millimeter dicken Aluminiumplatten, einem an sich strukturlosen
Malgrund, entsteht eine reliefhafte Oberfläche aus vielen Schichten Öl-
und Acrylfarbe, Kunststofffolie und Sprühlack. Der Künstler malt mit dem
Pinsel, rollt, glättet, sprüht und klebt und hinterlässt somit eine
Vielzahl an Oberflächenstrukturen. Treten Sie gerne näher an die Bilder
heran und sehen Sie sich die Oberflächen genauer an.
Beim Malprozess hat der Künstler eine Choreografie im Auge, wie er es
kürzlich so schön im Gespräch formuliert hat. Dabei ergeben die
unterschiedlichen Höhen der Felder, die harmonischen Farbkombinationen
aber genauso auch die Brüche den Gesamtklang des Bildes.
In Hinblick auf Farbkorrelationen und Oberflächenstrukturen hat der
Künstler in den letzten 15 Jahren eine eigene Bildästhetik entwickelt,
die von unendlichen Kombinationsmöglichkeiten der Farben und der
bildimmanenten Proportionen gespeist wird.
Nicholas Bodde wurde in New York geboren und lebt und arbeitet in
Bremen, wo er (1982-89) an der Hochschule für Künste bei Prof. K.-H.
Greune und Prof. W. Schmitz Malerei studiert hat. Seit 2000 nimmt er
regelmäßig an den bedeutenden internationalen Kunstmessen teil und
stellt im In- und Ausland aus.

Von dem Rausch der Vielfarbigkeit unten kommen wir nun zu den meditativ
anmutenden Arbeiten von Joe Barnes, der monochrome Bilder malt.
Monochrom bedeutet einfarbig und ist eine Form der Kunst, die auf die
absolute Essenz der Malerei reduziert ist. Inhalt, Figuren, Erzählung,
Komposition oder Farbbeziehungen werden negiert.
Übrigens war der französische Künstler Yves Klein der erste, der das
Wort monochrom in seiner jetzigen Bedeutung für seine Arbeiten aus den
50ern und frühen 60ern verwendet hat. Weltbekannt ist sein
Ultramarinblau, das er sich als International Klein Blue (IKB) hat
patentieren lassen.
In den 70ern und 80ern ist die Anzahl der Künstler, die sich mit
monochromer Malerei auseinandersetzten, angestiegen. Die Künstler haben
sich getroffen, über Kunst diskutiert, eine gemeinsame
Ausstellungsaktivität begann und bald folgten Ausstellungen in Amerika
und Europa, es wurden weitere Namen wie RADICAL PAINTING geprägt.

Jeder dieser monochrom arbeitenden Künstler zeichnet sich durch die
unterschiedliche Wahl der Farben, des Materials und der
Oberflächengestaltung aus, so sehen wir bei einigen Künstlern
beispielsweise extreme horizontale und vertikale Pinselstriche (wie
beispielsweise bei Phil Sims).
Joe Barnes ist ein Künstler der ersten Generation der monochromen Kunst
und schafft durch die Ausdruckskraft einer einzigen, konzentrierten
Farbe Bilder von einer höchst eindringlichen Präsenz. Die vielen
lasierenden Farbschichten auf quadratischen oder rechteckigen
Bildträgern steigern den Farbwert zu einer außergewöhnlichen Intensität
und beginnen bei längerer Betrachtung zu vibrieren. Diese Vibration
erzeugt sowohl eine meditative Ruhe als auch eine emotionale Kraft, mit
der die Arbeiten den Raum beherrschen. Auch wenn Spuren des Malvorgangs
oder Leinwand- und Papierstrukturen zu erkennen sind, geht es dem
Künstler vor allem um die Gleichmäßigkeit in der Gesamtwirkung, bei der
die pure, verdichtete Farbe sehr kraftvoll ist. So können die stets
monochromen Leinwandbilder und Arbeiten auf Papier als Meditationen
gesehen werden, die vom Betrachter erfahren werden. Die leuchtenden,
pulsierenden Farbkörper vermitteln den Eindruck räumlicher Tiefe, was
durch das Zusammenwirken von Bildformat und farbiger Substanz gesteigert
wird. Der Künstler bevorzugt kleinere Formate, um den jeweiligen Farbton
zu fokussieren und dem Betrachter eine konzentrierte Erfahrung zu
ermöglichen. Das ist auch der Grund, warum er in der Hängung hier den
einzelnen Bildern viel Raum gewährt.
Einige Bildträger sind mehrere Zentimeter tief, was diesen Werken
zusätzlich einen objekthaft-plastischen Charakter gibt, wie z. B. bei
diesem kleinen schwarzen Diptychon gleich am Treppenabgang.
Die Farben entziehen sich einer komplexen, kulturell festgelegten oder
individuellen Bedeutungszuweisung. Der Künstler bezeichnet seine
Arbeiten als Meditationen, die vom Betrachter erfahren werden. Die
Bilder dominieren den Raum auf eine ganz ruhige Weise und regen zu einem
Fein-Tuning unserer visuellen Wahrnehmung an. Ein Besucher rief einmal
in einer von Joes Ausstellungen vor einem ganz kleinen, roten Bild aus:
„It’s the biggest small painting I’ve ever seen.“ Und das trifft es ganz
genau: seine Werke sind so kraftvoll, pur und still und haben dabei eine
großartige Energie, die sich im Raum entfaltet.

Joe Barnes hat sich von Anfang an der monochromen Malerei verschrieben,
in den späten Siebzigern bis zu den frühen Neunzigern waren seine Bilder
weiß. Seine Motivation dafür hatte mit der Reinheit von Weiß zu tun und
dem Konzept, dass weniger mehr ist.
Joe Barnes wurde in Detroit, Michigan, geboren und lebt in New York. Er
hat am Colorado College und an der Sorbonne in Paris Literatur studiert.
Seit Beginn seines künstlerischen Schaffens erfährt er große
Aufmerksamkeit und Anerkennung (Emily Lowe Foundation Award,
Pollock-Krasner Foundation Grant, Adolph and Ester Gottlieb Foundation
Grant). Seine Arbeiten werden umfassend in Einzel- und
Gruppenausstellungen in Deutschland, in anderen europäischen Ländern
sowie den Vereinigten Staaten gezeigt, und befinden sich weltweit in
privaten und öffentlichen Sammlungen, einschließlich Albright-Knox Art
Gallery, Buffalo, New York, und Osthaus Museum, Hagen.

Joe Barnes

Joe Barnes
Geboren in Detroit, Michigan.
Lebt und arbeitet in New York.
Joe Barnes lässt rein durch die Ausdruckskraft der konzentrierten Farbe, losgelöst von strukturierenden Elementen, monochrome Bilder von einer großen Intensität entstehen. Die Vibration der Farbe erzeugt sowohl meditative Ruhe, als auch pure, emotionale Kraft.

Nicholas Bodde


Nicholas Bodde
Geboren 1962 in New York.
Lebt und arbeitet in Bremen
Nicholas Boddes Werke künden von Farben und ihrer Kraft. Linien und Flächen durchziehen sie wie Erzählstränge, ohne akzentuierten Beginn oder Ende. Er malt in festgelegten geometrischen Formaten, auf Aluminiumgrund mit einem weiten Spektrum an Farben. Klare horizontale Linien sind seine Handschrift. In verschiedener Stärke – als zarte, schmale Bänder, oder zur Fläche auswachsend – strukturieren sie die Bildflächen und führen die Augen hin zur Farbe. (Corona Unger).
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John Berger | Yves Berger – Große Rathausgalerie

Zeichnung | Malerei
Diese Ausstellung zeigt die Neue Galerie Landshut als Gast

in der Großen Rathausgalerie der Stadt Landshut,
Altstadt, Rathauskeller

Die Neue Galerie Landshut e.V. gibt sich die Ehre, Sie und Ihre Freunde zur Eröffnung der Ausstellung
John Berger    Yves Berger
am Donnerstag, den 29. Juli 2010, um 19:00 Uhr herzlich in die Große Rathausgalerie einzuladen.
Grußwort:  Thomas Keyßner, Bürgermeister
Einführung: Stephanie Gilles, M.A., Landshut

30. Juli – 22.August 2010
Di – So 14:00 – 18:00 Uhr
Große Rathausgalerie Landshut
Altstadt 315 (Eingang Grasgasse) 84028 Landshut

Das Kinoptikum Landshut zeigt am Mi, 28.07.10  „Die Mitte der Welt“ und am So, 09.08.10 „Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird“ (Regie:Alain Tanner; Drehbuch: John Berger); jeweils 21:00 Uhr im Kinoptikum, Nahensteig 189, 84028 Landshut

Die Ausstellung ist eine Initiative von Martin Paulus und entstand in Kooperation mit der Galerie Josephski-Neukum, Issing.

Sie wird unterstützt durch die Stadt Landshut, die Sparkasse Landshut, das Kinoptikum Landshut sowie die Buchhandlung Dietl, Herrngasse 375, Landshut

 

John Berger | Yves Berger
Zeichnung | Malerei

Das Sichtbare & das Verborgene

Der Neuen Galerie Landshut ist es gelungen, den bedeutenden Literaten, Kunstkritiker und Zeichner John Berger und seinen Sohn Yves Berger für eine Ausstellung nach Landshut zu holen.
In der Großen Rathausgalerie zeigen die beiden international bekannten Künstler vom 30. Juli bis zum 22. August Zeichnungen und Malerei. Die Ausstellung ist täglich außer montags geöffnet von 14:00 bis 18:00 Uhr.Beide Künstler werden zur Vernissage in der Großen Rathausgalerie am Donnerstag, 29.07.2010 um 19:00 Uhr anwesend sein.
Zur Einführung in das Werk spricht die Kunsthistorikerin Stephanie Gilles, M.A.

John Berger (* 5. November 1926 in Stoke Newington, County of London) ist ein britischer Schriftsteller, Maler und Kunstkritiker.
Er arbeitete nach einem Kunststudium an der Chelsea School of Art als Lehrer. Er engagierte sich in den 1950er-Jahren in der Friedensbewegung Artists For Peace. Sein Entwicklungsroman G., an dem er fünf Jahre arbeitete, gewann 1972 den Booker Prize. Zu dieser Zeit verließ Berger England und zog nach Frankreich in ein Bergdorf, wo er immer noch lebt. Neben seinen literarischen Werken ist Berger weltberühmt für seine kunsthistorischen Texten, Kritiken und seine poetischen „Anleitungen zum Sehen von Bildern“. 1989 erhielt er den österreichischen Staatspreis für Publizistik, 1991 den hochgeachteten Petrarca-Preis. Berger veröffentlicht in den renommierten Verlagen Hanser und Wagenbach..

Eine genze Reihe von Zeichnungen in Landshut zeigt John Berger zum ersten Mal. In der Großen Rathausgalerie präsentiert er eine Auswahl seiner Zeichnungen, die in ihrem Duktus der anschwellenden und abschwellenden Linien oftmals an die kontemplativen Tuschespuren japanischer Kalligraphen erinnern. Auch Reminiszenzen an archaische Höhlenmalereien wie die in Lascaux oder Chauvet lassen sich unschwer erkennen, während in den wenigen älteren Tusch- und Aquarellarbeiten seine Formensprache zwischen Realismus und Expressionismus den Einfluss von Künstlern wie Ernst Barlach oder Käthe Kollwitz belegen. Immer aber sind es behutsame, respektvolle Annäherungen an den Gegenstand der Betrachtung und eine subtile Schulung der Wahrnehmung für den offenen, unvoreingenommenen Betrachter.

Yves Berger (* 1976) schloß sein Kunststudium an der Ecole des Beaux Arts in Genf 2001 mit dem Diplom ab und erhielt im gleichen Jahr den Prix Stravinsky pour la peinture. In den letzten Jahren stellte er in verschiedenen europäischer Galerien aus. Er lebt und arbeitet – wie der Vater – in Hoch-Savoyen. Yves Bergers Werk bewegt sich jedoch in eine ganz andere Richtung:
Er stellt malerische Arbeiten aus den letzten Jahren vor, in denen er sich intensiv mit der Umsetzung der philosophisch- metaphysischen Durchdringung von Körper, Ort und Raum beschäftigt. »Diese Beziehung zwischen Körper und Ort ist in der Tat in meiner Malerei sehr gegenwärtig. Sie hat jedoch weniger mit meiner Vorstellungswelt als mit dem Leben selbst zu tun. Das Körperliche, das sich in die örtliche Gegebenheit einfügt oder sich darin fortsetzt, ist für mich so bezeichnend an der Arbeit der Bauern. Ihre von der Last der Arbeit geschundenen und geprägten Körper lassen sie den Orten ähnlich werden, an denen sich diese Bürden über die Jahre hin angesammelt haben.« (Yves Berger). In den neuen Bildern von Yves Berger scheint es, als ob sich nach dem Implodieren von Raum und Zeit die Materie in einem flüchtigen Zustand wieder neu verbindet und wie ein fremdes Licht in unsere Wahrnehmung dringt.

Bereits am Mittwoch, den 28.07.2010 um 21:00 Uhr zeigt das Kinoptikum den Film „Die Mitte der Welt“ von Alain Tanner, zu dem John Berger das Drehbuch schrieb (o.m.U.).
Am Sonntag, 09. August, um 21:00 Uhr zeigt das Kinoptikum den Film „Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird“.

Die Ausstellung geht zurück auf eine Initiative des Landsberger Künstlers Martin Paulus und entstand in enger Kooperation mit der Galerie Josephski-Neukum, Issing.

John Berger – das Sichtbare und das Verborgene

John Berger (* 5. November 1926 in Stoke Newington, County of London) ist ein britischer Schriftsteller, Maler und Kunstkritiker.

John Berger arbeitete nach einem Kunststudium an der Chelsea School of Art als Lehrer. Er engagierte sich in den 1950er-Jahren in der Friedensbewegung Artists For Peace. Sein Entwicklungsroman G., an dem er fünf Jahre arbeitete, gewann 1972 den Booker Prize. Als Berger die Hälfte des Preisgeldes an die Black-Panther Partei spendete, entstand ein Skandal, im Zuge dessen Berger England verließ und nach Frankreich in ein Bergdorf zog, wo er immer noch lebt. Neben seinen literarischen Werken ist Berger weltberühmt für seine kunsthistorischen Texten, Kritiken und seine poetischen „Anleitungen zum Sehen von Bildern“. 1989 erhielt er den österreichischen Staatspreis für Publizistik, 1991 den hochgeachteten Petrarca-Preis.

Eine genze Reihe von Zeichnungen in Landshut zeigt John Berger zum ersten Mal.

Yves Berger
Malerei

„Ein kleines Schwarzweißfoto. Eine junge Frau mit einem Kind, auf einem Esel sitzend. John führt Beverly, seine Frau, und ihren Sohn durch eine Ödnis einen Geröllweg hoch. Die heilige Familie in extremer Ausgesetztheit. Oder: Innerlichkeit? Berger lacht ausgelassen. Das Bild zeige sie auf dem Weg zur Alm, wo man, als Yves noch klein war, die Sommer verbrachte. Ein Haus ohne Strom. Aber gegenüber die Zweitausender. Wer Erscheinungen studieren will, wie ein Lichtstrahl eine Welt hervorholt oder alles im Schatten einer Wolke vergeht – hier geht das. »Es ist durchaus möglich, dass Sichtbarkeit bereits die Wahrheit ist und das, was außerhalb der Sichtbarkeit liegt, nur Spuren dessen sind, was sichtbar gewesen ist oder werden wird«, heißt es in einem Essay. Oben auf der Alm kann es so ruhig sein, dass Schritte am gegenüberliegenden Hügel neben einem explodieren. Dann ist es, als implodierten Raum und Zeit.“
(Susanne Mayer, Die Zeit 2007)In den neuen Bildern von Yves Berger scheint es, als ob sich nach dem Implodieren von Raum und Zeit die Materie in einem flüchtigen Zustand wieder neu verbindet und wie ein fremdes Licht in unsere Wahrnehmung dringt.

Vernissage
Einführung durch Stephanie Gilles, M. A., Kunsthistorikerin

Meine Damen und Herren,

ein Bergdorf in der Haute Savoie, alle paar Jahre für eine halbe Minute vom Ruhm gestreift, weil sich eine Etappe der Tour de France hindurchschlängelt, ein altes Bauernhaus und darin, in einfachsten Verhältnissen genügsam lebend einer der einflussreichsten englischen Kunstkritiker des 20. Jahrhunderts, der Maler, Zeichner und Literat John Berger und seine Familie.
Gerade in Quincy angekommen, finden wir Sohn Yves Berger malend im Atelier des 100-jährigen Heuspeichers, sein 83-jähriger Vater John bricht soeben mit der kleinen Enkelin zu einer Spritztour auf der 1000er Honda auf.
Was für ein Antagonismus!
Und doch ergibt dieser Antagonismus, dieser Widerspruch im Sinne einer Polarität, ein großes, harmonisches Ganzes. Er fügt sich zusammen wie Yin und Yang und findet seine Entsprechung im Werk der beiden Künstler John Berger und Yves Berger; bei jedem auf ganz individuelle Weise und doch mit vielen Parallelen.

Gemeinhin lässt man dem Älteren den Vortritt. Im Fall von John und Yves Berger möchte ich nicht mit dem Vater, sondern mit dem Sohn beginnen.

Vor 34 Jahren in Quincy, dem bereits erwähnten kleinen Dorf in den französischen Alpen geboren, lebt Yves Berger bis heute mit Frau und zwei Kindern in der 80- Seelen- Gemeinde. Er studierte an der Ecole des beaux Arts in Genf Malerei und obgleich er mit seinem Vater viele Länder bereiste, liegt doch sein Mikrokosmos im Makrokosmos der Welt nach wie vor in dem kleinen Bergdorf der Haute Savoie, für ihn, ganz im Leibnizschen Sinne, ich zitiere „ein ganz kleiner Teil der Welt, der dennoch alle ihre Elemente enthält.“

Während seiner Akademiezeit begann er, sich intensiv mit Körpern auseinanderzusetzen. Anfangs waren es die muskulösen, kraftvollen hochsavoischen Rinder, die zu malen und zu aquarellieren ihn wie einen Bessenen arbeiten ließen. Um die Körper in allen ihren Facetten studieren zu können, überredete Yves Berger einen Bauern aus der Nachbarschaft, ihn die Tiere im Stall malen zu lassen. Eine als „Bauchladen“ umgelegte Spanplatte diente als Staffelei vor Ort. Damals begann der Künstler, dem Bauern bei seiner täglichen Arbeit zu helfen. Inzwischen arbeitet Yves Berger im Sommer auf dem Feld, melkt Kühe und macht Heu;der Winter ist dem Atelier vorbehalten. Eine Polarität, die seine Kreativität erst ermöglicht.

Wie auch immer man sich seiner Malerei nähert, man kommt um metaphysisch- philosophische Assoziationen nicht herum. Auf der Suche nach dem Grund dafür stösst man unweigerlich zunächst auf Leibniz Monadenlehre und dann auf Gilles Deleuze, den 1995 verstorbenen französischen Philosophen.
Fast scheinen die Arbeiten Yves Bergers bildgewordener Ausdruck des 1991 erschienen Werkes von Deleuze zu sein: „Was ist Philosophie“
Philosophie, Kunst, Wissenschaft, Gehirn und Chaos werden hier in ihren Begrifflichkeiten und gegenseitigen Wechselwirkungen ausgelotet.
Für Deleuze ist Kunst Komposition, und das Ziel der Kunst „besteht“ nach seinen Worten „darin, ein reines Empfindungswesen zu extrahieren. Dazu bedarf es einer Methode, die je nach Autor anders ist und zum Werk gehört.“ Schon Rodin brachte diese Vorstellung mit seinem legendären Satz „Kunst ist nichts als Empfindung“ auf den Punkt.
Körper, Orte und Räume, deren philosophisch- metaphysische Durchdringung und Beziehung zueinander, ihre Möglichkeiten der Abgrenzung von- oder Verschmelzung miteinander sind Themen, die Yves Berger interessieren. Die weichen, verwischten Konturen seiner Bilder kontrastieren oftmals mit einer straffen Umrißbildung der Figuren oder geometrischen Körper. Bewußt provoziert, nein, irritiert er unsere ästhetischen Sehgewohnheiten, um den Betrachter mit seinen normierten Sinnerfahrungen zum Nachdenken zu bringen. Was ist sichtbar, was ist verborgen und was nimmt man wahr. „Wer nicht bereit ist, an das zu glauben, was er sieht, kann kein Bild erkennen“, so Yves Berger.

Große und kleine Arbeiten der letzten Jahre werden in dieser Ausstellung präsentiert. Die meisten sind in Mischtechnik entstanden. Viele von ihnen unter Einsatz von Kaseinfarbe, deren Eigenschaften dem sich oft über Jahre erstreckenden Entstehungsprozeß der Bilder Bergers entgegenkommen. Die Farbe trocknet matt auf, ohne an Tiefe einzubüßen, und bleibt auch nach der Trocknung wasserlöslich. So ist es möglich, auch nach längerer Zeit Veränderungen vorzunehmen, indem Stellen weggewaschen, weggekratzt oder übermalt werden.

Die Ausgangsbasis und den kompositorischen Mittelpunkt seiner Arbeiten bilden die von Yves Berger seit sieben Jahren verwendeten Körperabdrücke, die er auf unterschiedlichste Weise auf die Leinwand bringt. Er fertigt seine Keilrahmen selbst und bevor er die Leinen oder Baumwollbespannung aufbringt, positioniert er das jeweilige Modell auf dem Stoff oder legt den oft auch angefeuchteten Maluntergrund auf das Gesicht, welches er abbilden will. Assoziationen zu den Körperbildern Yves Kleins oder dem Vera Icon des Turiner Grabtuchs drängen sich auf und öffnen den Blick für ein spannungsreiches Spiel zwischen Äußerem und Innerem, zwischen Sichtbarem und Verborgenem, zwischen Sein und Nicht Sein.

Barnett Newman, meine Damen und Herren, schreibt in „das plasmische Bild“ aus dem Jahr 1945 von der Intention und Aufgabe der zeitgenössischen Kunst: „der heutige Maler befasst sich nicht mit den eigenen Gefühlen oder mit dem Geheimnis der eigenen Persönlichkeit, sondern mit der Durchdringung des Weltmysteriums.
Seine Imagination versucht deshalb, zu den metaphysischen Geheimnissen vorzudringen. Insofern befasst sich seine Kunst also mit dem Sublimen.“
Wo Barnett Newman mit Hilfe der Farbfeldmalerei und John Berger durch das genaue Beobachten der „Geographie“ eines Bildgegenstandes einen verborgenen Zustand sichtbar macht, arbeitet Yves Berger also mit der Gegensätzlichkeit von Innerem und Äußerem. Augenscheinlich wird das nicht zuletzt auch in seinen Porträts, deren Antlitze zunächst leer wirken. Erst bei genauerem Hinsehen erschließt sich das Wesentliche, erschließt sich, so Berger, daß seine Gesichter „inhabited“, also bewohnt sind.
Das unaufhörliche Forschen nach Gültigkeit, das Ringen um die Sichtbarmachung von Gegebenheiten in Abgrenzung oder Verwischung zum Sichtbaren, also dem, was wir als Realität betrachten, das Suchen nach der Essenz der Dinge in Verbindung mit einem sehr differnzierten und sensiblem Farbempfinden ist der Malerei Yves Bergers eingeschrieben, und verweist auf das große Potential an künstlerischer Ausdruckskraft dieses jungen Malers.

Wer sich mit Kunst beschäftigt und das Verborgene hinter dem Sichtbaren entdecken möchte, der kommt früher oder später an einem Namen nicht vorbei: John Berger.

1926 in London geboren, war John Berger nach seinem Kunststudium als erfolgreicher Maler und Zeichenlehrer tätig. In den 50-er Jahren setzte er sich leidenschaftlich für die Friedensbewegung „Artists for Peace“ ein und begann, seine Anliegen schriftstellerisch aufzuarbeiten, da ihm die Malerei als Ausdrucksmittel nicht konkret genug erschien.
Als Berger 1972 den renommierten Booker Prize erhielt und die Hälfte des Preisgeldes an die amerikanische Bürgerrechtsbewegung „Black Panther“ spendete, kam es zu einem Eklat. Der Künstler kehrte daraufhin seiner Heimat England den Rücken und zog in jenes Bergdorf, in dem er nun seit 37 Jahren lebt und von dort er sich bis heute einsetzt für Frieden und Gerechtigkeit, ob in Palästina oder für die indianische Landbevölkerung Mexikos.

Meine Damen und Herren,

– Wie führt man ein in Arbeiten eines Zeichners, der laut Zeit vielen als der „originellste Kunsttheoretiker des vergangenen Jahrhunderts“ gilt?
– Wie in Zeichnungen eines Künstlers, der gleichzeitig zu den bedeutendsten Kunstkritikern Englands zählt?
– Wie in die bildgewordenen Arbeiten eines Literaten, der mit seinen meisterhaften Essays über Kunstbetrachtung das genaue Sehen lehrt?
– Wie in die Zeichnungen eines Humanisten, der sowohl seine malerischen wie auch seine literarischen Werke immer auch verstanden wissen will als ausdrucksstarke Plattform im Dienste der Menschlichkeit. Jüngst einmal mehr eindrucksvoll zur Kenntnis gebracht in dem bei Hanser erschienenen Roman „From A to X, A Story in Letters“, dessen unangemessenen deutschen Titel ich lieber gar nicht nennen will.

Um nicht Harakiri begehen zu müssen, ziehe ich mich aus der Affaire unter Zuhilfenahme einer taoistischen Weisheit aus dem Tao Té King, die treffend beschreibt, was die zeichnerischen Arbeiten von John Berger auszeichnet:

„Dreißig Speichen treffen die Nabe
Die Leere dazwischen macht das Rad.
Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen
Die Leere darinnen macht das Gefäß.
Fenster und Türen bricht man in Mauern
Die Leere damitten macht die Behausung.
Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes.
Das Nicht- Sichtbare macht seinen Wert aus.“

John Berger wäre nicht John Berger, würde er in Bezug auf sein Schreiben wie auf sein Zeichnen Betrachtungen und Überlegungen zu jenem Kulturträger aussparen, der wie kein zweiter Kunst, Literatur und Wissenschaft seit dem Ende des 14.Jahrhunderts geprägt hat und noch prägt: der Zauberstoff Papier.
Wie alle Dinge, die ihm begegnen, behandelt John Berger auch den von anderen als Nutzgegenstand betrachteten Werkstoff Papier als individuell und in seiner Wesenheit veränderbar.
Während Papier beim Schreiben die Aufmerksamkeit für die Bedeutung des Ungesagten, die Stille zwischen den Sätzen schärft, mutiert es für ihn beim Zeichnen zum Mitgestalter. Es erfährt eine Eigenbedeutung, ein Eigenleben. Das weiße, unberührte Papier ist kein Nichts, sondern es ist gestaltendes Element, denn jede auch noch so nuancierte Veränderung an seiner Weißheit ruft einen neuen Ausdruck, eine neue Ästhetik hervor.
Zwischen den Umrissen eines gezeichneten Gesichtes beispielsweise bleibt Papier frei. Dieses Papier steht einmal für die Haut, für das Fleisch des Gesichtes, während das gleiche Papier um die Außenlinie des Gesichtes herum für etwas ganz anderes steht: nämlich nur für sich, es ist Papier. Berger: man muß „das unberührte Weiß dazu überreden, zu Verschiedenem zu werden“. Es ist eine Kunst des Weglassens, eine Kunst des leisen Sich Zurücknehmens.
John Bergers Zeichnungen sind Bildniszeichnungen in ihrem ureigensten Sinn. Ob er das Porträt eines Menschen zeichnet oder einen toten Fisch, ob er die prall hervordrängende Blüte einer Tulpe abbildet oder die Zarte des Lauchs, eine Bergkette oder Kirchenräume: Eine unerschöpfliche Neugier und eine tiefe Achtung vor der Individualität und Wesenhaftigkeit einer jeden Kreatur, einer jeden Pflanze, einer jeden Landschaft, eines jeden Bauwerks sprechen aus seinen Arbeiten. Sein Einsatz für Unterdrückte und sein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden erleben hier in der Zeichnung ihre bildnerische Entsprechung.
Mit wenigen Strichen auf freigelassenem Grund deutet John Berger Landschaften an, Frauenkörper, Blumen, Gesichter. Seine monochromen, oft Nass in Nass lavierten Zeichnungen haben skizzenhaften, gleichzeitig kontemplativen Charakter und sind dennoch kraftvoll, bestimmt und unverrückbar.
Wie in der ostasiatischen Tradition der Tuschmalerei gibt es keine Korrektur eines einmal gesetzten Striches.
Die ihm eigene Behutsamkeit, die sich selbst so zurücknimmt, daß das Dargestellte zu Leben beginnen kann, ermöglicht sublim gestaltete Aquarelle und Zeichnungen. Immer lässt John Berger dem Betrachter Raum, das Gefühl für die Essenz, für das Wesen der Dinge zu entwickeln und selbst zu entdecken.
In dieser Haltung scheint eine intensive Auseinandersetzung mit der kunsttheoretischen Lehre des berühmten chinesischen Zeichners Shitao auf, der im 17.Jh. eine neuartige Ästhetik schuf.
Den Grundsätzen Shitaos verwandt ist auch John Bergers Vorstellung von der Bedeutung der Linie: „The line you are drawing is like a trace“, die Linie, die du zeichnest, ist wie eine Spur, pflegt Berger zu sagen und meint damit, daß ein guter Zeichner die Seele seines Bildgegenstandes nicht abbildet, indem er ihn im psychologischen Sinne erfasst, sondern indem er das Wesentliche seiner Geographie, seiner Umrißlinie intuitiv erkennt und abbildet.
Folgerichtig, aber für einen Literaten verblüffend, sieht Berger Geschriebenes in seinen Zeichnungen als gezeichnete Spur, als ästhetisches Moment mit subtilem Sinngehalt und nicht als aussagekräftige Buchstaben. „Wenn sich Worte zu einer Zeichnung gesellen, dann in aller Stille. Und ich glaube, sie sind glücklich, einmal schweigen zu können!“

Copyright: Stephanie Gilles M.A., Landshut

Impressionen

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video.kunst.ch

Videokunst aus der Schweiz
Mit freundlicher Unterstützung durch


RGB – die Farben der bewegten Bilder

Videokunst aus der Schweiz

Zusammengestellt von Annick Haldemann, Dipl. gest. ZHdK, Kunsttheoretikerin

Kinoptikum Landshut

5. Landshuter Kunstnacht

Freitag, 10. September 2010, 20.00 – 24.00 Uhr

Sonntag, 03. Oktober 2010, 19:00 – 20:00 Uhr

 

Die Kurzvideos von Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz sind Augenschmaus und Futter für die Seele, aber nicht immer leicht zu verdauen.

Kurzvideos sind eine der aktuellsten Ausdrucksformen unserer Zeit, in miniaturisierter Form begleiten sie uns überall hin, jederzeit abrufbar. Diese „Begleiter“ informieren uns über dies und das, Notwendiges und Überflüssiges und sehr oft sind es Gags und Unsinn. Einen kleinen Teil dieser Übermittlungsflut stellt Videokunst dar, Juwele der aktuellen Formgebung.

Die ausgewählten Videokünstlerinnen und Videokünstler aus der Schweiz sind alle mehrfach für ihr Schaffen ausgezeichnet worden. Es werden Kurzvideos der letzten Jahre gezeigt, die wesentliche Tatsachen einer Gesellschaft thematisieren. Peter Aerschmann tippt politische Diskussionen an, ohne politisch zu werden, Mo Diener verschreibt sich der Kommunikation und Gabriela Löffel zeigt beeindruckend eine Grenzerfahrung. Das Wesen in Chantal Michels Videoarbeit verkörpert zwei Gesichter eines Menschen und eine Metapher für Depressionen zeigt Myriam Thyes. Stefan Rohners Arbeiten sind skurril und erfrischend ironisch und wir freuen uns nach vielen Jahren die amüsante Arbeit wieso geh’n Sie nicht ins Bett?  von Frantiček Klossner wieder zeigen zu können.

 

PETER AERSCHMANN / EYES / 2006 / 01:00 min
(*1969 in Fribourg/CH, lebt und arbeitet in Bern/CH)

Die Ausgangslage der Arbeiten von Peter Aerschmann sind immer unspektakuläre Motive aus dem Alltag, die er mit Fotoapparat und Videokamera festhält. Was wir gerade mal wahrnehmen, aber keine besondere Rechnung tragen ist das was Peter Aerschmann interessiert. Vorgefundenes setzt der Künstler in collageartig in eine völlig neue Welt.

In der Arbeit Eyes (2006) verbindet Peter Aerschmann ein New Yorker Polizist mit einer muslimischen Frau und überrascht mit der erkennbaren Nähe der Kleidercodes. Die Verhüllung der muslimischen Frauen ist ein Zeichen des religiösen Kodex, die uniformierten Polizisten verbinden wir mit kontrollierter Gewaltbereitschaft des Staates. Subtil tippt Aerschmann den Konflikt zwischen dem Islam und der amerikanischen Weltmacht an, ohne dabei politisch zu werden.

MO DIENER / ENCODED SONG / 2008 / 03:00 min

(*1961 Horgen /CH, lebt und arbeitet in Zürich /CH)

Mo Diener arbeitet hauptsächlich mit Video, Performance und Installation. In den letzten Jahren hat die Künstlerin Gespräche an Kunstanlässen niedergeschrieben und in ihren Arbeiten weiterverarbeitet. Worte sind ein wichtiger Bestandteil in Mo Dieners umfangreichen und aufwendigen Arbeiten. Mit Video, Ton und Schrift erforscht Mo Diener ihre Sammlung an Gesprächen, die für sie auch nur ein Überbleibsel einer Erfahrung sind, die in ihrer ganzen Dimension nur im Moment authentisch sein kann: im Gespräch.

Aus dem seit 2002 gesammelten Gesprächstexten hat Mo Diener neue unausgesprochene Gedanken zusammengesetzt und neu geordnet. Encoded song (2008) schüttelt die Künstlerin Stimmen und Töne, Gedanken und Text, Natur und Künstlichkeit durcheinander. Klare Worte mit verwirrenden Tönen und Bildern. Performance und Texte: Mo Diener, Sprecher: Kaspar Weiss, Kamera: Eugenia Loginova.

FRANTICEK KLOSSNER / WIESO GEH’N SIE NICHT INS BETT? / 1997 / 05:00 min
(*1960 in Bern/CH, lebt und arbeitet in Bern/CH)

Frantiček Klossner arbeitet an der Schnittstelle von traditionellen, neuen und neuesten Medien. In performativen Werken und Videoabreiten verbindet der Künstler eine Vielzahl von Medien. Die Videoarbeit wieso geh’n Sie nicht ins Bett? Eine Chasmologie-Studie mit Sophia Loren und Marlon Brando, Found Footage Video ist eine von Frantiček Klossner selten gewählte Technik und wird auch selten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Gähnen ist ansteckend! Marlon Brando und Sophia Loren haben dies im letzten Spielfilm von Charles Chaplin „A Countess from Hong Kong“ (1967), in höchster Vollendung bewiesen. Sie sitzen sich in der Kabine eines Luxusliners gegenüber und weichen erfolgreich einem Gespräch aus, indem sie sich mit einem reichen Repertoire von Übergangshandlungen gegenseitig nerven. In der Video-Montage von Frantiček Klossner wird die Aktion des Gähnens aus ihren narrativen Zusammenhang losgelöst. Die isolierte Handlung wird im Copy Paste Verfahren zu einem endlos erscheinenden, meditativen und schon fast schmerzhaft humorvollen Ritual. Bemerkenswert ist dabei auch der Klang des Gähnens, der in meisterlicher Manier von den deutschen Synchronstimmen zelebriert wird.

GABRIELA LÖFFEL / Fokus / 2002-03 / 03:04 min
(*1972 in Oberburg/CH, lebt und arbeitet in Genf und Bern/CH)

Gabriela Löffels Videoarbeiten bestechen durch ihre Reduktion und ihre starke Metaphorik. Die Künstlerin scheut die archaischen Bilder nicht. Sie greift sie auf und setzt sie durch den subtilen Einsatz der Video- und der Klangkunst in eine neue Bildsprache um.

In der Videoarbeit Fokus (2002-03) sind Frauen zu sehen, die von einer zunehmenden Verausgabung gekennzeichnet sind. Die Zuschauenden nehmen Anteil an der anstrengenden Szene. Der eigentliche Grund ihrer Anstrengung, ist allerdings ausgeblendet. Wir sehen lediglich die Mimik der Frauen, die zum erstenmal in einem Schiesssportkeller mit einer Pistole in Kontakt kommen. Eine Momentaufnahme der Konfrontation mit ihren eigenen Grenzen.

CHANTAL MICHEL / DIE FALLE / 2005 / 05:15 min
Chantal Michel (*1968 in Bern/CH, lebt und arbeitet in Kiesen und Bern)

In ihren Videos, Performances und Fotografien inszeniert sich die Künstlerin selbst in unterschiedlichen Räumen. Chamäleonhaft wandelt sie dabei ihre Gestalt: Kostüm, Gestik und Mimik fügen sich subtil in die Stimmung der Umgebung ein.

Ein verängstigtes Wesen nähert sich scheu und neugierig der Kamera, die Bewegungen sind hektisch, die Augen ausdruckslos leer. Wie von der Tarantel gestochen, beginnt es furiengleich herumzutoben. Nicht begreifend, was in sie gefahren ist, japst die Rasende nach Luft. Sie lässt ihren Launen hilflos freuen Lauf wie ein unglücklich trotzendes Kind. Die Falle (2005) zeigt ein beängstigendes Bild und doch kann der Zuschauer seinen Blick von der Kreatur nicht abwenden.

STEFAN ROHNER / BLUE WALK – ROUND – MARBLE TRAIN / 2005 / 04:00 min
(*1959 in Herisau/CH, lebt und arbeitet in St. Gallen/CH)

Der Foto- und Videokünstler arbeitet hauptsächlich mit Situationen und Motiven aus dem Alltag, die aber in eine erfrischende Ironie und mitfühlende Gelassenheit münden. Dafür schlüpft Stefan Rohner selbst in die Roller der Kunstfigur. Kürzest-Geschichten werden darin eher initiiert als erzählt.

Mobilität als Motiv findet sich in den Videoarbeiten „on the move“ von Stefan Rohner. In blue walk, round oder marble train (2005) betrachtet der Künstler unsere „bewegte“ Welt mit einem Augenzwickern. Joggt um Verkehrskreisel herum, fliegt im Trainingsanzug am fahrenden Zug vorbei oder überwindet Hindernisse wie Blumentöpfe.

MYRIAM THYES / DEPRESSION MARQUIS / 2009 / 02:23 min
(*1963 in Luxemburg/LU, lebt und arbeitet in Düsseldorf/DE)

Die luxemburgisch-schweizerische Medienkünstlerin arbeitet vorwiegend digital, in den Bereichen Videokunst, 2D-Animation, Fotomontage und Vektorgrafik. Bekannt ist ihr partizipatives Projekt ‚Flag Metamorphoses‘, eine seit 2005 wachsende Serie von Flash-Animationen zum Thema Flaggen, das Beziehungen zwischen Ländern thematisiert.

Myriam Thyes arbeitet an der Analyse und Umwertung bekannter Symbole, zum Beispiel aus Politik Architektur und Religionen. In Depression Marquis(2009) fährt der gläserne Aufzug im New Yorker Luxus-Hotel Marriott Marquis abwärts – die lange Fahrt endet im Gletscher-Eis. Der Zuschauer wird regelrecht in den Sitz gedrückt. Eine Metapher für Depressionen, wie sie Menschen mitten im Überfluss befallen können.

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Kunst aus der Schweiz

Kunst aus der Schweiz
im Rahmen der 5. Landshuter Kunstnacht

 

Genau weiss man es nicht
Kunst aus der Schweiz – kuratiert von Annick Haldemann, Bern


GENAU WEISS MAN ES NICHT
Daniela Erni | Sylvia Hostettler | Julia SteinerKunst aus der Schweiz, kuratiert von Annick HaldemannEröffnung: Freitag, 10. September 2010, 20:15 Uhr im Rahmen der 5. Landshuter Kunstnacht
Einführung: Annick Haldemann, BernDas Kinoptikum Landshut zeigt am 10. September
Non-Stop von 20:00 bis 24:00 Uhr
Videokunst aus der Schweiz, ausgewählt von Annick Haldemann11. September – 3. Oktober 2010
do – so 15:00 – 18:00 Uhr

Führungen durch die Ausstellung auf Anfrage

mit freundlicher Unterstützung durch Stadt Landshut, Sparkasse Landshut, Familie Grotgans und weitere Schweizer Sponsoren

Daniela Erni

Daniela Ernis fragile Wesen schwimmen, wachsen oder strecken sich im Bildraum und zeigen eine ungeheure Präsenz. Wie durch ein Mikroskop betrachtet, werden den Betrachtenden unbekannte und doch nicht ganz fremde Gestalten eröffnet, die Daniela Erni – aus der Natur inspiriert – in eine eigene Formensprache umsetzt. Ohne Vorskizzen arbeitet sie direkt auf verkratzte Kupferplatten und ritzt am Widerstand des Materials, um die widerspenstigen Gestalten in ihre Form zu bringen. Daniela Ernis Arbeiten zeichnen sich durch ihre Fähigkeit aus, die gewählte Technik explizit als Inhaltsträger zu nutzen. Die Künstlerin wird nicht unbegründet als Meisterin der Radierung genannt und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet.
(Annick Haldemann)

Sylvia Hostettler


Sylvia Hostettler lotet das Potenzial ihres Ausgangsmaterials – die Formen der Natur – bis an die Grenzen des Vorstellbaren aus. Sie entwickelt Objekte, die an Pilze und Pflanzen erinnern, es aber nicht sind – sie entwickelt Welten, die nahe der Realität sind, es aber nicht sein können, aber zum Teil sind. Nahaufnahmen von Miniaturwelten werden vergrössert und dienen als Grundlage von Märchenwelten und obskuren Räumen. Vorgefundenes und Erfundenes werden in die Fotografien gekonnt eingeflochten, sodass es den Betrachtenden unmöglich wird, Realität und Fiktion zu unterscheiden. Die preisgekrönte Künstlerin setzt in der Ausstellung ihre organisch anmutenden Gebilde aus Bienenwachs , den so genannten Requisiten, den makroskopischen Landschaften gegenüber und animiert auf eindrückliche Weise den Dialog zu Fragen der Naturkunst und Kunstnatur.
(Annick Haldemann)

Julia Steiner

Julia Steiners Arbeiten zeigen eine grenzenlose Darstellung von Erscheinungen, Spuren der Natur und Imagination. Mit sicherer Hand zeichnet die Künstlerin mit trockener schwarzer Gouache, ohne jede Vorzeichnung, aus der Vorstellung und aus dem Bild selbst. Vorlagen sind Gedankenräume, Zwischenräume, Schwarz Weiss, Auf und Ab – Erlebtes und Gesehenes, das Julia Steiner täglich in Form von Wort- und Textfragmenten in Notizbüchern festhält. Die Pinselzeichnungen sind nicht nur in ihrer Grösse gewaltig – sie ziehen die Betrachtenden unmittelbar in den Bann, zeigen Erscheinungen voll Sinnlichkeit und Leichtigkeit mit bewusst offen gelassenen Leerräumen. Die Betrachtenden werden in einen Strudel von Gesehenem und Ungesehenem gezogen, eingefangen und nicht mehr losgelassen. Die mehrfach ausgezeichnete junge Künstlerin schafft es, durch enorme Spannungsfelder einen Schwindel erregenden Sog zu bewirken, dem sich jeder Betrachtende gerne hingibt.
(Annick Haldemann)
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Daniel Bräg | Christoph Scheuerecker – Sammlung

Sammlung

Eröffnung: Freitag, 15. Oktober 2010, 20:00 Uhr
Einführung: Franz Schneider
Hierzu sind Sie und Ihre Freunde herzlich eingeladen!

16. Oktober – 7. November 2010
do – so 15:00 – 18:00 Uhr

Führung durch die Ausstellung:
Sonntag, 24. Oktober 2010, 16:00 Uhr

Während es bei Daniel Bräg um die Grenzziehung zwischen Gebrauchsobjekt, Sammelobjekt und Kunstwerk geht, sowie um die Frage, wie und warum ein Gegenstand als „sammelnswert“ eingestuft bzw. erkannt wird, beschäftigt sich Christoph Scheuerecker mit dem Prozeß des Suchens und Wahrnehmens. Er sammelt die unterschiedlichsten Dinge und bringt sie in überraschender und nachdenkenswerter Weise in neue Sinnzusammenhänge.

mit freundlicher Unterstützung durch
Stadt Landshut und Sparkasse Landshut

Sammlung

Daniel Bräg und Christoph Scheuerecker

Mit dem Begriff „Sammlung“ verbindet man zunächst nicht die Bedeutung von „Konzentration auf Wesentliches“, sondern erwartet die Begegnung mit einer  überbordenden Fülle; ist doch auch der höchste Wert einer Sammlung meist der erstrebte Endzustand der Vollständigkeit.

Betritt man nun diese Ausstellung, so begegnet man einer beinahe provozierenden Verweigerung jeglicher Fülle – ein alter, alltäglicher Schreibtisch, ein Obststand ein Stockwerk darüber, ein Kühlschrank sowie ein paar Folien mit banalen Obstetiketten.

Man fühlt sich dabei ein wenig an Marcel Duchamps Urinale erinnert, die als Objets Trouvés lediglich durch die Versetzung in einen Galeriekontext zum Kunstwerk mutierten.

Man möchte vielleicht schon, beinahe enttäuscht, den Rückweg antreten, bis unser Auge die erste Irritation erreicht: Der Obststand ist in seinen Größenverhältnissen leicht aus den funktionalen Dimensionen gehoben, seine seitlichen Abdeckungen lassen sich nicht anheben, er verweigert seine wesentliche Aufgabe, nämlich das in ihm darzubietende Obst vor den Unbilden des Wetters, vor Regen oder Sonne, vor Gärung oder Verderb zu schützen.

Auch im unteren Stock der Schreibtisch ist nicht gänzlich leer, sondern er trägt einen Karteikasten, auf dessen Karten seltsam kryptische Sätze zu lesen sind, die in keinem erkennbaren Zusammenhang zu stehen scheinen – dennoch sind sie nach einem undurchdringlichen Prinzip durch eine sechsstellige aufgedruckte Zahl geordnet.

Ein Prinzip der Ordnung trifft ebenso auf die sorgsam angereihten Dinge zu, die im oberen Stockwerk in einem Weinkühlschrank mit Innenbeleuchtung dargeboten werden. Sie scheinen auf den ersten Blick nicht identifizierbar und erwecken in diesem noblen Kontext den Eindruck einer Sammlung köstlich-kostbarer Austern. Erst wenn wir die Tür öffnen, entdeckt unser Geruchssinn, dass es sich um fröhlich vor sich hinrottende Äpfel handelt, die gerade dabei sind, sich in einen wesentlich anderen Aggregatszustand zu verwandeln.

 

Es handelt sich bei den Objekten dieser Ausstellung also durchaus um Dinge und Anordnungen, die dem Begriff der Sammlung, der Anhäufung, der Agglomeration entsprechen. Vieles, was bei Daniel Bräg zu sehen ist, entspricht darüber hinaus den Utensilien, die man auf einem Wochen-Markt , einem Obstmarkt antreffen würde.

Während auf einem Markt jedoch alles auf sinnliche Verführung des Kunden ausgerichtet ist, spricht aus diesem Arrangement der Dinge eine seltsame Distanz, so als ob wir hier eher auf Abstand gehalten werden sollten

 

Ich habe vor vierzehn Tagen einen sogenannten Bauernmarkt in einem großen Möbelhaus südlich von Landshut besucht.

Es war erstaunlich, wie sehr in einem völlig künstlichen Ambiente versuchte wurde, die Illusion einer heilen Naturnähe zu suggerieren, und obwohl das Ganze bei strahlendem Sonnenschein in einer neonbeleuchteten Halle stattfand, war alles erfüllt von Stroh und altem Holz, verkorkten Flaschen und kariertem Leinen, vom Geruch lebender Tiere und duftender Probiertellern und -brettchen.

Eine Woche später freilich erlebte ich einen ähnlichen Bauernmarkt in einem Freilichtmuseum, und auch hier erlebte ich einen beinahe rührenden Versuch, die naive Idylle eines bäuerlichen Füllhorns vor den Besuchern auszubreiten, völlig negierend, wie hart das Leben mit der Natur tatsächlich war, und wie wenig das mit unseren heutigen, entfremdeten Naturphantasien zu tun hatte.

 

Genau hier, an dieser Bruchstelle zwischen Natur, Kultur und Ökonomie, sind die Arbeiten und die Arbeitsweise von Daniel Bräg angesiedelt.

Auf die Frage, was ihn daran gereizt habe, antwortete Bräg in einem Interview:

„Dieser seltsame Naturbegriff, den es heute gibt. Zum einen der naturwissenschaftliche Blick, zum anderen der Blick, dass früher alles besser war, als man noch ohne Technik auskam, wo das Kompott selbst gemacht wurde, ich nenne es mal das naive Bild von Natur.“

Seine künstlerischen Auseinandersetzungen mit diesen Fragen fokussieren sich seit Jahren unter anderem im Obst, und hier in den Äpfeln.

Diese werden von ihm in der Regel konserviert, eingekocht, gedörrt oder gekühlt und anschließend präsentiert. Seine natürliche Aktivität vollzieht sich bei diesem Obst nicht in seinen Wachstums- sondern seinen Verfallsprozessen, in einem Vor-sich-hinfaulen, wobei auch dieser Prozess künstlich verlangsamt wird. Aspekte von Zeitlichkeit, Vergehen und Transformation werden in unterschiedlichen Versuchsanordnungen und Präsentationen erfahrbar.

 

Was sich uns darbietet sind Erscheinungsformen von Natur, die durch eine ganze Reihe von Transformationen gegangen sind und teilweise nur noch in ihrem Etikett oder Einwickelpapier, also in ihren marktkonformen Resten vorhanden sind. Auch wenn der –ohnehin nicht funktionierende – Obststand dies suggeriert, bieten sie sich uns nicht zum sinnlichen Verzehr an. „Sie sollen nicht konsumiert, sondern wahrgenommen werden“, sagt Bernd Finkeldey.

Die Arrangements erinnern dabei zum einen an naturwissenschaftliche oder soziologische Anordnungen, an Objekte der Feldforschung, wie bei den Etikettensammlungen, zum anderen an Marktkonstellationen, welche wohl mit zu den ursprünglichsten soziologischen Errungenschaften sesshafter Kulturen gezählt werden können. In beiden Fällen spiegelt sich ein Verhältnis des Menschen zur Natur wider, welches schon immer kulturell geprägt war, auch wenn wir, je länger le lieber, diesen Sachverhalt negieren, bis wir zu einem völlig absurden Naturbegriff gelangen, der sich in einem Supermarkt eher realisieren lässt als auf einem niederbayerischen Bauernhof mit Monokultur.

Es täuscht übrigens, wenn man die Objekte Brägs als banale, zufällige Fundstücke betrachtet. Sie bilden vielmehr einen vorläufigen Endzustand eines langen und sorgfältigen Prozesses des Pflegens, Erntens, Sammelns – so hat er beispielsweise mit seiner Frau selbst ein Versuchsfeld für Obstbau angelegt, das ihm als Freilandlabor und Produktionsstätte für seine Forschungsobjekte dient. Ausstellen bedeutet bei Bräg dann, bestimmte Teile aus dieser – kultivierten – Natur sichtbar zu konservieren und in bestimmter Weise neu anzuordnen, und damit den Übergang zu formulieren von der Natur zur Kultur rsp. zur Kunst. Was sich dabei ereignet, ist eine Transformation von Natur, die sich – etwa in den verkleinerten Waren-Displays oder den graphisch ausgeklügelten Folienkopien – nur noch als Erinnerung zeigt. Eine Natur, die in ihrer ganzen künstlichen Zurichtung betont wird und durch ästhetisch bestimmte Entscheidungen und Engriffe des Künstlers zu Kunst wird.

Es breitet sich zugleich eine unüberbrückbare Distanz zwischen der Natur und unseren sentimentalen Vorstellungen aus, eine Distanz, die darüber hinaus durch den bemessenen Einsatz von Ironie noch unterstrichen wird.

Die als „Porträts“ bezeichneten frischen Äpfel, die sich auf den Fenster-Borden darbieten, sind beklebt mit Apfeletiketten unterschiedlichster Provenienz, und suggerieren damit eine Mixtur aus Geschmäckern, die sich gegenseitig ausschließen und aufheben. Daraus ein Porträt zu erstellen erinnert an die Strategien der Spätmoderne, wo man sich mit Badges und Buttons unterschiedlicher Art eine nach außen sichtbare Identität aus unterschiedlichen Haltungen und Einstellungen zusammenzimmern konnte; ein Persönlichkeits-Design, welches in Zeiten von Facebook und Twitter eine noch erhebliche Steigerung des Zutaten-Instrumentariums und der Künstlichkeit erfährt.

 

Allerdings: dass Brägs Sammlungsstrategien, und uns Landshutern im Besonderen, an die in der Renaissance praktizierte Tradition des Sammelns von Kunst- und Naturobjekten erinnern, der es neben dem naturwissenschaftlichen Wissen auch um Erkenntnis und vor allem um Selbsterkenntnis ging, ist zwar naheliegend. Doch steht für Bräg nicht die Selbsterkenntnis im Vordergrund, sondern vielmehr die ästhetische Wahrnehmung.

Eine Wahrnehmung, die gerade durch ihre Verweigerung einer mimetischen Abbildung von Natur oder der Verbildlichung eines naiven Naturbegriffs, sowie durch die beinahe vollständige Ununterscheidbarkeit der Objekte von den alltäglichen Dingen eine Schule des Sehens darstellt.

 

Übergänge, Transformationen sind es auch, welche sich in Christoph Scheuereckers Arbeiten manifestieren.

Dabei arbeitet er nach dem Prinzip der „Originalkopie“. Das bedeutet, dass er Erzeugnisse, Arbeiten, Errungenschaften anderer nimmt und sie durch oft minimale künstlerische Bearbeitungen, Interventionen und Neuarrangements zu eigenen künstlerischen Setzungen macht. Das betrifft kulturelle Ausgangsmaterialien wie Ausschnitte aus Büchern, Zeitschriften oder wissenschaftlichen Darstellungen, zum anderen auch natürliche Produkte wie das Wachs von Bienen. Hier gibt es wieder eine Parallele zu Daniel Bräg, denn wo dieser seinen eigenen Garten anlegt, da betätigt sich Christoph Scheuerecker als Imker mit eigenem Bienenstock.

Im Fall der heutigen Arbeit nun geht Scheuerecker einen Schritt weiter, indem er sich selbst ein anderer wird und die Erzeugnisse dieses anderen zur Kunst macht.

Auf jeder der insgesamt 260 Karteikarten sind die Erzeugnisse dieses anderen zu lesen. Christoph Scheuerecker notiert Worte, Sätze, die dieser Andere im Schlaf, bzw. im Traumzustand spricht. Diese geträumte Sprache rinnt gleichsam aus dem grenzenlosen Raum des Unbewussten an jener hauchdünnen Trennlinie zwischen Traum und Wachzustand osmotisch in die Erinnerung des Künstlers.

„Geträumte Sprache hat ihre ganz eigene Poesie. Sie ist nicht logisch, zumindest nicht in einem offensichtlichen und objektiven Sinne. Sie ist im Gegenteil völlig subjektiv, nur auf die Person des Träumenden geschneidert, jemand anders könnte das so nicht geträumt haben und wird es nicht träumen und es bleibt auf der Grenze zum Verständlichen. Einerseits lässt es sich verstehen, denn es ist ja Sprache. Andererseits ist es eine Art Schleife, eine zurückkehrende Kommunikation, die vom Träumenden ausgeht und ihn selber meint.“

Nun ist er selber in diesem Falle aber auch der Andere, und jener notiert die Äußerungen, bevor sie der Erinnerung entschwinden.

Diese ganz subjektiven Notate werden dann objektiviert, indem sie mit Maschine auf Karteikarten geschrieben werden, gesammelt, archiviert und mit Datum versehen in einem Karteikasten geordnet. Es wirkt, als ob ein Kunstbeamter vor kurzem seine Stechuhr für den Feierabend gedrückt habe und wir nun vor seinem Archivkasten stehen, in dem er die Träume eines anderen abschöpft. Doch obwohl diese abgeschöpften Notate wie flüchtige Nachtfalter eines Traums in diesen staubtrockenen Botanisierkasten gespießt werden, verlieren sie nicht etwa ihre irisierende Farbe und zerfallen zu Staub – Im Gegenteil – Indem sie durch die tintenbenetzten Metalltypen einer Schreibmaschine in den nachgiebigen Karton gedrückt werden, erhalten diese flüchtigen Niederschriften eine geradezu dinghafte Sinnlichkeit, die sich gegen eine finale archivierende Vereinnahmung erfolgreich zur Wehr setzt und behauptet.

Wenn wir diese Karten in die Hand nehmen und ihren Inhalt lesen, so tun wir dies immer auf zwei Ebenen: auf einer sinnlich-haptischen wie auf einer intellektuell-poetischen, wobei sich diese beiden Ebenen immer wieder verschränken.

Und auch die Niederschriften der einzelnen Karten verschränken sich in ihrer sprachlichen Anmutung: Mischen sich einmal nur einzelne Worte in Gesprächsfetzen wie: „Hier ist etwas passiert“, so bilden sich auf anderen Karten poetische Sätze, die mit surrealen Aufzeichnungen abwechseln.

„Seid vor allem verrückt
Rechtsanwälte
Das ovale Gesicht des Mörders
In der Zeitung“

Das erinnert an Notizen eines Lautreamont oder an das automatische Schreiben eines André Breton.

Andere Sätze wiederum sind von bezaubernder Poesie, zum Beispiel:

„Aus der Sicht der Hummel ist es besser, in die Stille zu investieren“

 

Als Betrachter sind wir irritiert, ob wir hier nun berührende Poesie vor uns haben, voyeuristisch intime Aufzeichnungen, die uns nichts angehen, oder herausfordernd ironische Sprachspiele, die uns provozieren sollen.

Immer wieder werden so hochpoetische Sätze umklammert von höherem Blödsinn, sehr persönlich scheinende Notizen von allgemeingültigen Setzungen.

Die Einbettung des einen Sinns in einen jeweils anderen verunmöglicht es dem Betrachter, etwa einen Rückschluss auf den Urheber der Niederschriften zu ziehen. Jeder Deutung wird so ein Schnippchen geschlagen, und ohnehin gibt es, nach Meinung Christoph Scheuereckers, keine Verbindung zwischen dem Wach- und dem Traumzustand einer Person. Oder, wie eine Karte sagt: „Es gibt kein Unterbewusstes. Es gibt nur Elefanten und Walfische.“

Aus den emporgetauchten Traumnotaten ein Psychogramm des Träumers zu erstellen, wäre somit genau so vermessen, wie aus zufälligem Strandgut das Kartogramm eines Ozeans. Und dennoch trägt dieses Strandgut die Erinnerung an den unermesslichen Raum in sich – so wie die Karten in diesem kleinen Karteikasten auf dem verstaubten Schreibtisch.

Kein Wunder also, wenn dieses Stockwerk sonst nichts enthält außer diesem Kasten – denn was ihm entfliegt, benötigt unermesslichen Gedanken-Raum.

„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, behauptet Goya.

Dem entgegnet der andere Christoph Scheuerecker:

„Wenn man nicht schlafen kann, überschüttet man die Stadt mit seinen Träumen.“

Oder zumindest diesen Ausstellungsort.

Franz Schneider

 

Daniel Bräg
 

Seit den 90-er Jahren des 20. Jhs. beschäftigen sich Künstler in ihren Arbeiten intensiv mit der Durchdringung des Alltags. Dieses sich Einlassen auf Alltagsgegenstände und das Nachdenken über sie, geschieht bei Bräg vielfach vor dem Hintergrund des Begriffes „Vergänglichkeit“, welchen er in dieser Ausstellung in Bezug zum Begriff „Sammlung“ stellt.
Vom Bodensee stammend, wählt er sich als Alltagsgegenstände Objekte rund um das Thema Obst. Neben einem „Obststand“ machen beispielsweise ein Apfel und seine aufgeklebte Herkunftsbezeichnungen den Betrachter Nachdenken über das vergängliche Lebens- mittel „Apfel“ im Gegensatz zur relativen Beständigkeit seiner gesammelten Aufkleber.
Christoph Scheuerecker

Christoph Scheuereckers Vorstellung von „ecriture automatique“ als der Niederschrift von Träumen und Gedanken ist durchdrungen von der Beschäftigung mit dem literarisch-künstlerischen Surrealismus eines André Breton. Mit Hilfe eines Karteikastens und mit Schreibmaschine beschrifteter Karten setzt Scheuerecker den Sinngehalt der „écriture automatique“ in überraschende Beziehung zu Ordnungssystemen, wie sie jeder Sammlung eingeschrieben sind.

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Stefan Heide

Kartographie des Erinnerns – Malerei

STEFAN HEIDE

Kartographie des Erinnerns
StadtBilderEröffnung: Freitag, 27. November 2009, 20:00 Uhr
Einführung: Johann Haslauer28. November – 20. Dezember 2009
do – so 14:00 – 17:00 UhrFür die Ausstellung sind neue Bilder aus Landshut enstanden,
die zeitgleich in der Sparkasse Altstadt gezeigt werden.

Kartographie des Erinnerns
StadtBilder

Städte sind Teil eines längeren Projekts, das 2001 mit Budapest begann und mit Berlin, Lissabon, Shanghai und Rom fortgeführt wurde.

Für diese Ausstellung kam eine kleine Serie mit Bildern der Stadt Landshut hinzu.

Im Focus steht die Architektur der Stadt, die von Menschen geformt und geprägt wurde. Stefan Heide sieht in den Gebäuden Erinnerungsspeicher.
Die alten Strukturen, klassizistische Bauten, verwaiste Areale – sie alle erzählen Geschichten von vergangenen Zeiten, von gelebten Schicksalen und vom Wandel der Zeit.

Eine Stadt ist einem Menschen nicht unähnlich. Sie entsteht, sie wächst, sie bildet eine Persönlichkeit heraus und sie altert und verfällt irgendwann.
Unsere Vorstellung von „Stadt “ ist, nach Stefan Heide, ein Konglomerat unterschiedlicher Aspekte. Sie ist ein Organismus mit einem charakteristischen Gesicht, mit einer eigenen Dynamik und Persönlichkeit. Städte wecken in Menschen Gefühle, Erwartungen, Träume.

Stefan Heide versteht sein Werk nicht als topographisches Stadtporträt, sondern als Projektionsfläche menschlicher Befindlichkeit und Seinszustände: Vertrautheit, Nähe und Distanz, Melancholie, Einsamkeit, Vergänglichkeit.
In der Ausstellung werden neben Bildern der Städte Lissabon, Rom, Shanghai und Landshut auch eine Serie von Menschen in der Stadt zu sehen sein. Menschengruppen, auf die in den Architekturbildern bewusst verzichtet wurde und deren Abwesenheit gerade die Frage nach deren Präsenz stellt.


weitere Arbeiten von Stefan Heide

http://www.stefan-heide.de/arbeiten/werke.htm

 

Landshut

Parallel zur Ausstellung in der Neuen Galerie zeigt Stefan Heide in den Räumen der Sparkasse Altstadt neue Bilder aus Landshut.
(geöffnet zu den üblichen Geschäftszeiten)
Vom Bild der Stadt
Einführung von Johann Haslauer
Zur Ausstellung Stefan Heides
am 27.11.09 in der Neuen Galerie Landshut

Umherschweifend, immer mit Blick auf diese Bilder will ich mich der Thematik „Bild der Stadt“ nähern, der Weise der Aneignung von Städten folgend, die Stefan Heide bei seiner Arbeit anlegt. Nicht systematisch, mit der Absicht, alles in den Blick zu bekommen, was für das Bild der Stadt relevant ist, sondern intuitiv, absichtslos, mich treiben lassend, von einem Aspekt zum anderen flanierend.1

Beim Rundblick merken wir schnell: dies sind Ausschnitte von Städten, von Rom, und Shanghai, Serien von Detailansichten, dazu Zitate aus solchen Serien von Lissabon (im oberen Stock) und nun auch von Landshut (hier unten ein Wandaus-schnitt von einem Haus in der Kirchgasse), keine Gesamtansichten, Veduten, wie das in der Fachsprache heißt, vielmehr charakteristische Details, flüchtige Wahr-nehmungen, schnelle Schnitte, die wir dann zu unserem Film zusammensetzen, zusammen mit den Bildern, die wir bereits von den gezeigten Städten gespeichert haben.

Ein Bild der Stadt entsteht immer erst im Auge des Betrachters. Der amerikanische Städteplaner und Architekt Kevin Lynch hat dies in seinem als Klassiker zum Thema geltenden „The Image of the City“ von 1960 wegweisend herausgearbeitet.2 Das Bild, das sich der Einwohner, der Besucher, der Experte des Städtebaus macht je
nach seiner Interessenslage, seiner mehr oder weniger geschulten Wahrnehmung. Es geht bei Kevin Lynch um die Orientierung des Individuums in seiner Umwelt, um die Lesbarkeit einer Stadt, um die Vorstellung der Stadt als Ganzes in der Wahrneh-mung und um Gemeinsamkeiten bei dieser Wahrnehmung. Was bedeutet die sicht-bare Gestalt der Stadt den Bewohnern? Das Stadtbild, wie es ihnen als inneres Bild erscheint, aber auch, wie es tatsächliche veränderbar ist. In Landshut wird dies derzeit für sehr sensible Bereiche diskutiert: die Altstadtgestaltung (ich erinnere an das bevorstehende Mediationsverfahren dazu), die Neuplanung an der alten JVA (ich erinnere an die Diskussionsveranstaltung des Vereins Architektur und Kunst vom Mittwoch), aber auch die Beplanung am Kaserneneck.

Doch hier in unserer Ausstellung haben wir es mit Bildern als körperliche Träger visuell verarbeiteter Inhalte zu tun. Erhellend mag dazu ein historischer Rückblick sein3: Die Stadt war in der Malerei bis weit ins 15. Jh. hinein kein eigener Bildge-genstand. Wir kennen vereinzelte Stadtdarstellungen aus dem mittelalterlichen Italien. Publikum war bei den ersten Ansätzen meist der Hof, zunächst auch Auf-traggeber der Darstellungen, die für repräsentative Zwecke hergestellt wurden. Daneben fanden symbolisierte Stadtdarstellungen auf Siegeln und Münzen eine größere Verbreitung, auf denen oft auch der Stadtpatron, der Stadtheilige und Repräsentant der Stadt abgebildet war4. Was das innere Bild der Bewohner von ihrer Stadt zum Ausdruck brachte. Mit der Renaissance und der Erfindung der neuen Drucktechniken wie auch der raschen Ausbreitung des Buchdrucks begann sich in ganz Europa ein Markt für Stadtdarstellungen in Form von Stichen zu entwickeln. Zentrales Medium waren in der frühen Neuzeit die sog. „Städtebücher“, die dazu beitrugen, dass sich Städteansichten zunehmender Beliebtheit erfreuten. Als Stich-worte für Darstellungen Landshuts mögen die Namen Heofnagel (bei Braun/Hogen-berg 1572) und Fischer (bei Merian 1644) genügen, die das traditionelle Bild dieser Stadt maßgeblich geprägt haben. Franz Niehoff hat hierzu mit einer Ausstellung der Städt. Museen 2001 eine umfassende Dokumentation erstellt, die aber nur bis Franz Högner reicht und mit dem 2. Weltkrieg endet5. Hier nun anzuknüpfen wäre ein lohnendes Unterfangen.

Doch schnell zurück zum Beginn der Neuzeit: Abnehmer waren in erster Linie Ver-treter der städtischen Oberschicht. Als mit der Darstellung von Städten verbundene Absicht kam dabei auch die der Orientierungshilfe hinzu; so griffen neben den Handelsleuten auch die Kriegsherren jener Zeit gerne auf die angebotenen Stadt-übersichten zurück. In der Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts wurden Stadtan-sichten zum beliebten Motiv der Genremalerei, Abteilung Landschaftsmalerei, – wegweisend für mich Vermeers Ansicht von Delft von 1660, und – noch ein großer Sprung – als mit der Industrialisierung die Fotografie als Medium auf den Plan trat, war dies der Beginn der großen Flut an Städtebildern im 20.Jh. und der wir nun aus-gesetzt sind. Nicht umsonst ist heute die Rede von einem Jahrhundert der Städte, in dem sich das Schicksal des Planeten im Überleben der Städte erweisen wird.

Was in den historischen Städtebildern gezeigt wurde, waren Inszenierungen,
nicht die Wirklichkeit. Es wurde ein Image präsentiert, der eigenen Bevölkerung wie auch nach außen, fortgeführt in den heutigen Marketingbestrebungen der Städte, die bei den meisten ein gewisses Unbehagen hinterlassen, ein – wie es auf der diesjäh-rigen Jahrestagung der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung zum Thema „Bilder der Stadt“ im Oktober in Bremen hieß, und ich zitiere aus dem Flyer-Text: „Unbehagen gegenüber einer aus politischen wie ökonomisierten Interes-sen als Marketinginstrument eingesetzten Bildproduktion über Stadt“, also die „emblemhafte Verkürzung städtischer Vielfalt und das Einfrieren des permanenten Wandels auf mediengerechte Botschaften, auf werbende Zeichen im Konkurrenz-kampf der Städte und Regionen“.6

Eine Kollektive Spiegelung des Wir, ein Inneres Bild der Bewohner, die Corporate Identity, wie sie über solchermaßen verbreitete Bilder eingerichtet und verbreitet wird, – das zu zeigen ist nicht die Absicht Stefan Heides, wie er wohl in der Summe jeweils Portraits dieser Städte zeigt. Städte werden bei der Frage ihrer Identität immer wieder mit Personen verglichen: eine Stadt wächst, bildet eine Persönlichkeit aus, altert, verfällt. Ein Vedutenmotiv wäre also ihr „Gesicht“, das Bild/die Bilderserie das „Portrait“ einer Stadt. Das menschliche Portrait taucht hier in dieser Ausstellung wie als Fingerzeig auf. Wie ist es um das Gesicht von Rom oder Shanghai, oder auch Landshut (wenn wir in die Sparkasse gehen) bestellt? Wir sehen Fassaden, Außenseiten, gerne mit Patina, denn im Verfall von Gebäuden lässt sich auch die Zeit ablesen, der Entwicklungsprozeß, der die Kontinuität dieser kollektiven Identität erst herstellt – in der Soziologie wird das ganz aktuell als „Eigenlogik der Städte“ entdeckt.7

Doch das sind nur Krücken für die Wahrnehmung. Die Vorstellung einer Art persona-ler Identität, die man in einem Portrait darstellen möchte, nur eine Projektion, weil die personale Identität nach unserem menschlichen Bilde die einzige Vorstellung von integrierter und integrierender Ganzheit eines komplexen Gebildes ist, über die wir verfügen. Die menschlichen Portraits also hierzu Erinnerungen, Fragezeichen.
Eine Stadt als – durch die darin stattfindende Kommunikation – vernunftbegabter Organismus, in permanenter (auch ökologischer) Transformation, ein System, das sich als Ganzheit begreift, in dem sich seine Einwohner /Elemente bestmöglich entfalten können, die im Gegenzug „der Stadt Bestes suchen“, – das wäre wohl eine erstrebenswerte Utopie. Aus diesem Blick gibt es für mich kaum etwas Aufregende-res als Portraits von Städten.

Stefan Heide hat mir von einem Traum erzählt, einem immer wiederkehrenden Traum, in dem er sich in einer Situation des Ausgesetztseins findet. Die Stadt als Sozialraum, die Stadt als Gemeinschaft kommt darin nicht vor. Für Landshut könnte die Martinskirche vielleicht Symbol dafür sein, so wie das auf der Einladungskarte gezeigte Linbrunner- oder Bürger-Portal von St. Martin Zugang ist zu diesem gemeinsamen Innenraum, der die Bewohner der mittelalterlichen Stadt noch alle fassen konnte und mit dem Innen allen Seins, einer allen gemeinsamen Transzendenz verband.
Anmerkungen

1 Gemäß der Methode der Stadterkundung, die in den 50er Jahren die Situationisten entwickelten

 

2 Kevin Lynch, The Image of the City. MIT Press & Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1969. Dt.: Das Bild der Stadt. Bauwelt Fundamente 16, Friedrich Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft Braunschweig 1965

 

3 Einen guten Überblick gibt Wolfgang Behringer und Bernd Roeck (Hrsg.), Das Bild der Stadt in der Neuzeit 1400-1800. Verlag C.H.Beck, München 1999

 

4 Vgl. Jörg Oberste (Hrsg.), Repräsentationen der mittelalterlichen Stadt. Forum Mittelalter Studien Bd. 4, Schnell + Steiner, Regensburg 2008

 

5 Franz Niehoff (Hrsg.), Landshut ins Bild gesetzt. Karten und Ansichten vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Schriften aus den Museen der Stadt Landshut 19, Hrsg. v. Franz Niehoff, Landshut 2001

 

6 vgl. www.dasl.de/wordpress/wp-content/uploads/DASL-JT2009%Bremen.pdf

 

7 Martina Löw, Soziologie der Städte. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2008
siehe auch:

http://www.musicandmeaning.net/issues/showArticle.php?artID=6.6


Johann Haslauer (b.1950) is a journalist and conceptionalist who works in press distribution and on the curating staff of Neue Galerie Landshut for Contemporary Art, Landshut, Germany. He has a background in philosophy, philosophical anthropology and Zeitungswissenschaften/communication science at the University of Munich. From 1977-87 Haslauer was engaged in local journalism and various newspaper projects as an editor and/or journalist. From 1986-1988 he participated in the Arcosanti workshop and in working periods at the experimental city-building project Arcosanti in the high desert of central Arizona, USA. 1989-1995 Haslauer was active in local political and cultural activities together with cultural groups and city council members in Landshut, focusing on cultural activities in the public sphere. One such project was the preservation of the old Landshut Slaughterhouse of cultural purposes. From 1995-2008 he was active within the contemporary art context provided by Neue Galerie Landshut. In 2004 he curated the StadtLAge2004 Project, https://www.ngla.de/index.php?stadtlage2004index&reason=0, for Neue Galerie Landshut and in 2006 Haslauser gave a presentation entitled “Cities are Individuals” at the Western Humanities Alliance Conference held in Calgary, Canada. He lives with his family in Landshut, Germany.
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Silvia Schreiber: „up to the sky“

Eine Rauminstallation in der Erlöserkirche Landshut


Eien raumfüllende Installation „up to the sky“ zeigt Silvia Schreiber auf Einladung von Pfarrer Dr. Flothow in der Landshuter Erlöserkirche.

Die Installation ist noch bis 20. November zu sehen. Die Kirche ist täglich geöffnet.

Im Mittelpunkt der bildnerischen Arbeit Silvia Schreibers steht der Mensch – zum einen als anonyme menschliche Figur, wie auch in dieser Ausstellung; zum anderen als Porträt in Form der Büste. Wobei – man sollte bei dem Begriff Büste nicht die Monumenten gegen die Vergänglichkeit vorstellen sollte, wie sie etwa in der Walhalla zu sehen sind.
Allein schon das Material ihrer Skulpturen, japanisches Papier, ist hierfür viel zu vergänglich und veränderlich.
Veränderung bestimmt auch deren Herstellungsprozess. Am Anfang stehen Fotografien einer Person; diese dienen dazu, eine Büste aus Ton zu formen. Die dabei entstehende Skulptur ist weniger eine naturgetreue, als vielmehr eine impressionistische, gefühlsmäßige Wiedergabe.
Danach erstellt die Künstlerin aus der Vorder- und Rückseite der Skulptur eine Negativform aus Gips. Sie geht hier also traditionell bildhauerisch vor, ohne jedoch nun Bronze in die Form zu gießen. Sie legt vielmehr kleine Stücke farbigen, japanischen Papiers hinein und verklebt diese. Nachdem die Form entfernt ist, entsteht so eine Abbildung eines Menschen, die wörtlich hauchdünn und federleicht ist.
Da sie auf einen Sockel verzichtet, muss die Künstlerin andere Strategien wählen, um die Skulpturen mit einer schützenden Aura zu versehen. Sie tut dies, indem sie sie in Beziehungs-Geflechte stellt – in einem erweiterten und in einem wörtlichen Sinne:
Keine Arbeit bleibt unabhängig vom Ort, von den Personen und Beziehungen, in denen und für die sie entsteht – im Gegenteil, all dies wird Teil der Skulptur. Und jede Arbeit steht in Beziehung zu allen anderen, greift Aspekte einer vorhergehenden auf und entwickelt sie weiter – ich möchte dies anhand zweier Arbeiten veranschaulichen, die der heutigen Installation vorausgingen:Ihre Installation „Hanami“, die sie 2004 in der Neuen Galerie zeigte, gehört für mich zum Berührendsten, was ich in meiner 25jährigen Arbeit mit aktueller Kunst erfahren durfte. Es handelte sich um ein Porträt des japanischen Galeristen Nobuo Yamagishi, der vor dreißig Jahren als erster begann, in Japan zeitgenössische Kunst zu zeigen. Die Installation bestand aus einer Büste des Galeristen aus zartem blauen Papier, flüchtig in den Raum gehängt auf einer transparenten Folienbahn. Drumherum stand ein minimales technisches Equipment für zwei Schallplattenspieler. Auf ihnen drehten sich unaufhörlich zwei Scheiben: auch dies Porträts, oder genauer: Abformungen der Originalplatten aus Kunstharz, die Lieblingsmusik des Galeristen: eine Aufnahme von Velvet Underground sowie ein japanisches Traditional. Dieses optische und akustische Geflecht aus wenigen Dingen genügte Silvia Schreiber, um daraus die Essenz dessen zu formulieren, was die fragile, geheimnisvolle und so überwältigende Schönheit einer menschlichen Existenz ausmacht.

Wenige Jahre später zeigte sie, ebenfalls in der Neuen Galerie, eine Büste aus weißem Papier, die deutlich ihre eigenen Züge trugen. Ein Porträt, fast leicht wie Luft. (Es wog ziemlich genau 30 Gramm – manche behaupten, dies sei genau das Gewicht, um das ein Mensch leichter wird, wenn die Seele im Augenblick des Todes den Körper verlässt). Dieses Porträt hing wortwörtlich an einem seidenen Faden: es wirkte wie ein Spiel, ein Mobile und war zugleich eine konzentrierte Meditation über die Gefährdung des Individuums. Auch dieses Proträt war umhüllt, doch war aus einer einfachen Plastikfolienbahn ein Jurte-artiges Gebilde aus weißlichem Kunststoff geworden; es erinnerte an Vorhänge, die man in Hospitälern und Lazaretten einzog, um Raum für einen Kranken zu schaffen. Auch in diesem Selbstporträt wirkte jener weiße Raum wie ein die Intimität schützender Vorhang. Er hatte jedoch Öffnungen in der abgerundete Form von Bildschirmen. Sie erlaubten Blicke von innen nach außen, wie bei einer Video-Überwachung. Andererseits gaben diese Öffnungen auch den Kopf im Inneren den Blicken von außen preis. In diesem steten Hin und Her der Blicke durch die transparente Schutzhülle entwickelte sich ein Gedankenspiel über Beschützheit und Gefährdung – nämlich von Beobachtung und Beschädigung – und damit ein Bild heutiger menschlicher Existenz.

Der Büste der Künstlerin gegenüber befand sich ein weiterer Raum aus schwarzer Baufolie, in dem eine Büste des damaligen amerikanischen Präsidenten ebenfalls an einem Faden pendelte. Die schwarze Folie trug eine Art Scherenschnitt-Struktur, welche aus der Übereinanderlagerung menschlicher Figuren entstanden war.
Anhand des baumelnden, vom Wind bewegten Porträts des irdischen Lenkers der Welt stellten sich Fragen nach der Machbarkeit von Geschichte und deren Grenzen – und nach der Fragilität aller Existenz.
Dabei sind Silvia Schreibers Figuren selbst zerbrechliche Hüllen um einen leeren Kern, um eine offene Frage als Essenz des Subjekts, und sie schließen immer auch gedanklich die umgebende architektonische Hülle mit ein.
Die Vorhänge, Planen, Umhüllungen, die sich wie ein weiterer Raum zwischen Körper und Architektur schieben, bilden eine trübe Projektionsfläche zwischen innen und außen, hier auch von unten nach oben, die den Betrachter als Teil des Kunstwerks mit einbeziehen. Sie bilden wacklige Angebote an seine tastende Wahrnehmung, bieten Klärung und verunklären zugleich, denn sie lassen das Licht, nicht aber den Blick durchdringen – außer an einigen wenigen Öffnungen. Und genau hier, sagt der japanische Kunstkritiker Shigeo Chiba über Silvia Schreibers Arbeiten, „erfährt die visuelle Wahrnehmung eine gewisse Leere. Das ist der Moment, in dem sich ihre Arbeit vollständig manifestiert.“
Und es ist der Moment, in dem sich ein unreduzierbarer, geheimnisvoller Rest offenbart, mit dem wir leben müssen..
Der amerikanische Dichter Mark Strand sagt: „Wir leben mit Geheimnissen, aber wir mögen das Gefühl nicht, dass wir es tun. Ich denke aber, wir sollten uns daran gewöhnen. Wir meinen, dass wir wissen müssen, was die Dinge bedeuten, um auf der Höhe von diesem oder jenem zu sein. Ich glaube aber nicht, dass es eine sehr menschliche Eigenschaft ist, dem Leben gegenüber so kompetent aufzutreten. Diese Haltung hat jedenfalls nur sehr wenig mit Poesie zu tun.“
Silvia Schreibers Werke dafür aber umso mehr.
F. S.

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